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Liebe Vera

  • Michelle Harnisch
  • 27. Jan.
  • 8 Min. Lesezeit

Ich glaube, du bist gerade immer noch im Zug nach Frankreich, wenn ich dir den Brief schicke. Wenn ich ihn poste, bist du vermutlich schon in Montpellier. Ich freue mich zwar auf die Post aus deinem Auslandsemester, aber natürlich finde ich es schade, bist du nicht mehr fünf Gehminuten von mir entfernt für die nächsten Monate. Aber wir haben uns ja schon immer schriftlich geupdatet. Öffentlich sowie privat. Throwback zu den unglaublich langen schweizerdeutschen E-Mails im 2016, die noch in meinem Postfach herumschwirren, weil ich mich nicht dazu bringen kann, sie zu löschen. Ich habe also keine Bedenken, ich höre bestimmt regelmässig von dir.

 

Wie du weisst, ist der Januar etwa so ereignisreich weitergegangen, wie er angefangen hat. Ich schildere dir meine Schreibszene gerade: Ich sitze auf meinem Bett, lagere meinen Fuss hoch und balanciere ein Kühlpad darauf. Denn ja, ich habe mir schon wieder die Bänder angerissen oder gerissen (kein MRI gemacht). Dritter Bänderriss in vierzehn Monaten. Oh well. Dieses Mal der andere Fuss lol. Ich habe wieder eine Schiene gekriegt, muss meine Physioübungen vom letzten Mal machen, darf sechs bis acht Wochen keinen Stop and Go Sport oder sonst irgendwas, was Schläge auf den Fuss geben könnte, machen. Die Handballsaison ist daher für mich wohl gelaufen (ausser wir schaffen es auf wundersame Weise noch in die Aufstiegsrunde – Holz aalänge), meine Lauf-Phase wurde für einmal von äusseren Faktoren beendet, und ich muss mich etwas umstrukturieren, andere Dinge als Sport finden, um nicht die Wände hochzugehen. Bis jetzt ist das: spazieren gehen, Faschtewäie backen, Gym, stricken, Unizeugs und lesen. Obwohl ich also noch ganz vieles machen kann, und es nicht allzu schlimm ist, ist es doch wieder etwas einschneidend. Fuckt halt trotzdem ab. Auch wenn bereits mehrere zu mir gesagt haben: «Ist ja nicht so lang, das vergeht wie im Flug.» Sechs bis acht Wochen sind ein halbes Semester. So kurz ist das auch nicht. Naja, aber Fokus auf das Positive: das meiste geht mit Schiene, ist einfach ein bisschen unchilliger, aber kurz muss ich mich dem Selbstmitleid halt etwas hingeben.

 

Ausserdem kratzt es an meinem Ego. L. meinte «Misch, dini Bänderrisstatistik muess unbedingt abe» und sie hat absolut recht damit. Der Gedanke daran, von nun an mit zwei Fussschienen ins Handball zu steppen, ist auch irgendwie rough. Auch wenn das andere auch machen und ich mir bei denen noch nie Gedanken darüber gemacht habe. Aber vielleicht unterschätzen mich die Gegnerinnen dann noch mehr. Trauen mir meine Geschwindigkeit noch weniger zu. Geholfen hat auch nicht, dass es während unseres letzten Spiels passiert ist. Meine persönlich schlechteste Leistung diese Saison. 0 von 6 Toren und dann Bänder gerissen in einem Gegenstosssprint. Dann die letzte Viertelstunde weinend auf der Bank sitzen, während unsere Goalie meinen Fuss mit Kühlspray einsprayt. Dann eine Nacht richtig schlecht schlafen, weil der Fuss wehtut, aufwachen, kurz trotz der Schmerzen  vergessen (???), dass was ist, gesamtes Gewicht auf besagten Fuss geben beim Aufstehen für den nächtlichen Toilettengang, fast kotzen, weil es so wehtut, dann wieder hinlegen und um Sonntagmorgen um acht Uhr auf den Notfall gleich um die Ecke humpeln. Was für ein Wochenende. Peak.

 

So, genug Rumgeheule, immerhin weisst du das alles schon. Hab schliesslich auch schon in Person rumgeheult bei dir. Dieses Wochenende war dann um einiges besser. Auch wenn wir tschüss sagen mussten, das war natürlich ein Lowlight. Aber dein Abschiedsabend am Freitag war dafür sehr, sehr schön. Ich war fast ein bisschen rührselig beim nach Hause gehen. Obwohl wir natürlich bei dir waren, weil du zum Abschied eingeladen hast, ist es schon lange her, dass wir uns einfach so getroffen haben. Ohne etwas zu unternehmen oder zu konsumieren oder so. Wir sassen einfach auf deinem Sofa, lachten, tranken ein bisschen Moscato, assen Pizza und Snacks und besprachen alles Mögliche. Das haben wir schon lange nicht mehr in dieser Gruppe gemacht. Es fühlte sich ein bisschen an wie im Gymi, wenn wir uns einfach so trafen, ohne Grund, ohne richtigen Anlass, obwohl wir uns schon den ganzen Tag in der Schule gesehen hatten. Einfach bei wem im Zimmer sassen, uns zu fünft auf Betten quetschten und redeten. Das klingt jetzt so, als würde ich dieser Zeit nachtrauern – tue ich wirklich nicht. Aber irgendwie fand ich es schön, wieder einmal zu merken, dass diese Freundinnenschaften auch jetzt noch so funktionieren. Einfach sein und nichts tun. Ohne viel drumherum.

 

Ausserdem waren unsere Gespräche enorm vielfältig, das fand ich auch ziemlich witzig. Wir wechselten gekonnt von Arbeitstalk, zu Unitalk, zu Harry Styles (dazu später mehr!), zu Venezuela und Iran und ICE und Newskonsum, bis wir dann wieder bei den Beckhams landeten. Ich musste dabei immer wieder an das Buch denken, das ich letzte Woche empfohlen habe, You Didn’t Hear This from Me von Kelsey McKinney. Sie framt Gossip dort als jegliches Gespräch über eine oder mehrere nicht-anwesende Personen – so wird der Begriff auch in anderer Forschung oft definiert. Das muss jeweils gar nicht gewertet sein. In einer Studie im 2019, die mit Studierenden der University of Texas und der University of California durchgeführt wurde, konnte festgestellt werden, dass im Durchschnitt ca. 5% des Tages gegossipt wird, in ca. 14% der Konversationen. Wir waren am Freitag sicher über diesem Schnitt (an den meisten anderen Tagen wohl auch), aber ich finde es trotzdem ziemlich spannend. Die Studie fand auch heraus, dass ein Grossteil des Gossips als »neutral« eingestuft werden kann. Ausserdem stellten sie fest, dass Frauen im Schnitt zwar mehr gossipen, aber Männer mehr »negativen« Gossip besprechen. Sonst wurden über soziale Schichten, Geschlechter, Altersgruppen nur ziemlich minime Unterschiede festgemacht werden (z.B. partizipieren Jüngere etwas häufiger als Ältere an »negativem« Gossip). Sie halten fest: »gossip is ubiquitous«, also allgegenwärtig.

 

Ich habe letzte Woche schon gesagt, dass McKinney selbst eine grosse Liebe zum Thema Gossip hat. Sie beschreibt das Weitererzählen einer guten Geschichte folgendermassen: »It was the retelling I wanted, the drama. I didn’t just want to hear gossip; I wanted to take it in my hands and mold it, rearrange the punch lines and the reveals until I could get the timing right enough that my friends in the cafeteria would gasp. And as I got older, the desire became stronger because the stories got better, and I got better at telling them.« (31) Vera, ich hab mich vielleicht noch nie so sehr gesehen gefühlt von einer Passage in einem non-fiction Buch. Vielleicht hat mich das Thema auch deswegen ziemlich beschäftigt. Denn am Ende kann man das alles auf das ziemlich menschliche Bedürfnis des Geschichten Erzählens und sich mitteilen Wollen runterbrechen. Ich glaube, das verstehst auch du gut. McKinney schreibt in ihrer Einleitung: »We gossip and we tell stories because that is how we each make sense of the world, with ourselves at the center reaching outward trying to connect with others, to prove to ourselves that we are real, that if anything is true, it is us.« (25) Das trifft es sehr gut, finde ich.

 

Diese Woche ist auch einfach viel Celebrity Gossip passiert, daher musste ich vielleicht noch mehr an McKinney denken. Ich habe mich auch sehr kopfüber reingestürzt (Hater*innen würden sagen, das sei eine meiner Ablenkungsstrategien). L. aus der Uni hat mir einen Banger-Podcast empfohlen (sorry, schon wieder eine neue L. unlocked, es gibt wirklich zu viele L.s in meinem Umfeld). Er heisst »Shameless« und ihre Tagline lautet »For smart people who love dumb stuff.« Nicht nur eine wirklich catchy Marketinglinie, sondern auch sonst ein ziemlich guter Satz. Denn eben, es ist immer etwas Escapism dabei, aber es hilft auch oft, die Welt ein bisschen besser zu verstehen. Geschichten zu hören und weiterzuerzählen. Denn Geschichten sind immer wichtig.

 

Und weil ich auch einfach gerne erzähle, hier noch die wichtigsten Dinge, die mich die letzte Woche umtrieben haben:

 

  • Die ganze Beckham-Geschichte. Ich greife jetzt nicht alles Drama mit dem Hochzeitskleid, etc. auf, das kann man mittlerweile überall nachlesen. »She danced very inappropriately on me« lebt mietfrei ein meinem Kopf.

  • Noah Kahan veröffentlicht diese Woche endlich »The Great Divide«. Du kannst dir nicht vorstellen, wie hype ich bin. Er hat das Lied im Mai 2024 zum ersten Mal live gespielt, dann irgendwann ein Snippet auf TikTok gepostet. Seit über einem Jahr höre ich eine am Konzert aufgenommene Live-Version über Soundcloud, weil es sonst keine Version gibt. Aber ab Freitag kann ich es offiziell auf Spotify in der Studio-Version hören! Manche Dinge sind doch noch gut im Januar!

  • Mama und ich haben uns am Samstag einen Abend in der Stadt gegönnt, und es war mega, mega schön. Wir waren zuerst im Pub, assen Fish and Chips und tranken Bier, dann waren wir im Kino und haben uns »Hamnet« angeschaut. Paul Mescal als Shakespeare, du bist nicht bereit für sowas, sag ich dir. Der Film war wirklich so gut. Ich musste ziemlich doll weinen, Mama und ich hatten beide gerötete Augen, als wir aus dem Kino kamen. Ich habe zuhause gleich das Buch angefangen (falsche Reihenfolge, ich weiss), und bin auch da sehr hooked.

  • Harry Styles??? Über den Song habe ich mir noch keine klare Meinung gebildet, aber ich bin auch keine riesen Fan, daher fühle ich mich nicht hintergangen von plötzlichen Techno-Beats. Aber ich habe schon mehrmals laut aufgeschrien die letzten Tage, als ich Leuten die Tourdaten vorgelesen habe. Ich finde den dramatischen Effekt absolut berechtigt. 6 Nächte Amsterdam und 6 Nächte London ist schon etwas verrückt, wenn man bedenkt, dass er nirgendwo sonst in Europa spielt. Aber dann 30 NÄCHTE IN NEW YORK??? Was ist das? Ich weiss, Konzert-Tourismus ist mittlerweile sehr etabliert, aber keine einzige USA-Show irgendwo sonst? Und dann 30 Abende im Madison Square Garden? What the fuck? Das ist wirklich das Lustigste, was ich in der letzten Woche gesehen habe.

  • Dann noch Dinge diese Woche, die mich freuen: L. ist wieder hier und es ist sehr schön, wieder ohne Zeitverschiebung zu schreiben, sich wieder sehen zu können (auch wenn es nur drei Wochen waren, es hat sich länger angefühlt). Am Mittwoch ist der letzte Abend der Champions League Vorrunde und um Match-fixing zu verhindern, finden 17 Spiele gleichzeitig statt. Wir machen Drinks und schauen uns die Konferenz in unserem Wohnzimmer an. Das wird absolut Szene!  

 

Ich glaube, es hat keinen Wert mehr, wenn ich mich weiter für meine wirren Briefe entschuldige. Meine Interessen momentan sind vielfältig, meine Gedanken chaotisch, die Briefe sind also so wie sie sind. Take it or leave it. Ausserdem darf ich nicht rennen, also sind die Gedanken noch sprunghafter als sonst. Jetzt noch zu den Empfehlungen:

 

Etwas zum Glotzen: Ich schaue die YouTuberin zwar schon eine ganze Weile nicht mehr, aber diese Woche habe ich mir wieder einmal ein Video von Lucy Moon angeschaut. Es heisst »I documented a decade of my life. this is what happened« und ich musste ein bisschen weinen. Sehr berührend. https://www.youtube.com/watch?v=idT26IKWD9k

 

Etwas zum Hören: Lieder, die ich sehr gerne mag, höre ich meistens mehrmals am Stück. »Cabin Fever« von ARIES höre ich gerade immer mindestens drei Mal nacheinander. Bedauerlicherweise kann man auf Spotify Lieder nicht mehr mehrmals in eine Playlist schmeissen, sonst wäre es nämlich etwa zehn Mal auf meiner Januar-Liste.

 

Etwas zum Lesen: Ich bin seit ein paar Wochen sehr begeistert von Adam Aleksics Substack Texten. Auf TikTok ist er als »Etymologynerd« unterwegs (auch grosse Empfehlung) und ich liebe seinen Content im Allgemeinen. Sein Buch habe ich zwar vor ein paar Wochen für meinen E-Reader gekauft, bin aber noch nicht zum Lesen gekommen. Ich empfehle aber wirklich sehr fest seinen Newsletter. Die Texte sind unglaublich spannend. Er schreibt über Sprache im digitalen Raum, geht Phänomenen wie 67 und anderen Memes auf linguistischer Ebene nach, zeigt auf, wie sich Sprache durch Soziale Medien und KI verändert, und ganz vieles mehr. Klingt jetzt etwas nichig, aber ist echt zugänglich erklärt. Ich könnte jeden seiner Texte empfehlen, diesen fand ich aber sehr interessant: https://etymology.substack.com/p/neural-networks-are-changing-our?utm_source=profile&utm_medium=reader2

 

Etwas zum Essen: Beerensmoothies mit allen gefrorenen Beeren, die du findest, zum Zmorge. Als Person, die morgens eigentlich keinen Hunger hat, habe ich das für mich entdeckt in den letzten zwei Wochen. P. und W. haben mir einen Stabmixer zu Weihnachten geschenkt, und seither ist das Küchengerät meine neue Persönlichkeit geworden.

 

Ausdruck der Woche: Kein Ausdruck, aber dieses Zitat aus »Hamnet« von Maggie O’Farrell, das mich berührt hat (vom Anfang, ich bin erst auf Seite 80). »As he stands at Hewlands’ window, the need to leave, to rebel, to escape is so great it fills him to his very outer edge: he can eat nothing from the plate the farmer’s widow left for him, so crammed is he with the urge to leave, to get away, to move his feet and legs to some other place, as far away from here as he can manage.« (33)

 

So, genug von mir. Ich freue mich auf die Erasmus-Berichte aus Montpellier. Geh mit 20-Jährigen saufen, gönn dir das cringe Austauschprogramm (Pub Crawls, etc.) und bring ein paar Geschichten mit. Ich hab dich lieb, heb der Sorg und saug all die französischen Uni-Vibes auf.

 

Alles Liebe

Michelle

 

PS: Erster Brief mit Quellenangabe, sheesh. Aber hier noch ein Link zur Gossip-Studie: https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/1948550619837000



Honorable Mention für die Kategorien: Mate Zero <3
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