Liebe Michelle
- 3. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Ich hoffe, es geht dir gut. Dieser Brief fühlt sich ein bisschen nostalgisch an, wie so ein Blog von 2010, da es doch irgendwie Klischee ist, in eine Auslandsemester zu gehen und dann Blog zu schreiben, oder nicht? Möchte ich jetzt aber voll auskosten.
Vor allem werde ich auch auskosten, dass ich auf Deutsch schreiben kann. Momentan wird nämlich gerade mein Hirnareal, welches für den kleinen Finger zuständig ist, ziemlich strapaziert, da ich die ganze Zeit é und è schreiben muss. Ist jetzt auf der Tastatur voreingstellt, habe die Umlaute rausgekickt. Tatsächlich muss ich in meinen Seminaren so richtig Notizen machen, da keine Slides zur Verfügung gestellt werden, das finde ich gewöhnungsbedürftig. Ich als akademische Durchschlänglerin, wie man es nennen könnte, musste das zumindest noch nie wirklich tun. Aber soll fit halten. Heute morgen hat der eine Prof all zweiten Satz irgendwelche Forschende genannt und ich war komplett überfordert, weil ich schon bei den Fachbegriffen, die ich nicht kenne, teils nicht weiss, wie man sie schreibt, aber bei Namen bin ich komplett raus. Nun aber von vorne.
Ich bin in Montpellier. Wie du es letzten Brief angekündigt hast. Mir scheint, dass du in letzter Zeit mehr über mich preisgegeben hast, als ich selbst, aber das finde ich gut.

Letzten Montag bin ich angekommen, nachdem ich erst noch Gyni und Knietermin hinter mich bringen musste. Knie ist okay, nervt einfach, braucht Geduld. Gyni war nicht so wahnsinnig lustig, da ich erfahren habe, dass ich wohl PCOS habe, da meine Eierstöcke komisch sind (ich erläutere das hier nicht, da alle Google haben), aber gross erstaunt darüber war ich nicht. Ich hatte meine Tage noch nie regelmässig. Und ich habe Haarausfall und schon immer Akne. Ist auch nichts Weltbewegendes, schon früh hatte ich mich mit dem Gedanken abgefunden, wahrscheinlich nicht so leicht Kinder haben zu können. Ich bekam es noch nicht bestätigt, aber es könnte auch meine teils absurde Schlappheit erklären, wenn ich zu lange nichts gegessen habe, bzw. zu viel Zucker auf einmal esse, da Insulinresistenz eines der Symptome ist. Meine Zugfahrt habe ich also damit verbracht, dummes medizinisches Zeugs zu googeln, obwohl meine Frauenärztin explizit meinte, ich solle NICHT googeln. Naja, so funktioniert das wohl nie. Um 11 Uhr nachts bin ich dann angekommen in der Residenz, wo ich ein kleines Studio mieten kann. Nach zwei Minuten in der Wohnung gab es einen Feueralarm und wir mussten alle raus. War aber nichts. Jetzt Montpellier.

Diese Woche war ich besonders damit beschäftigt Admin-Uni Zeugs zu erledigen und mein kleines Zimmer etwas einzurichten. Denn es hatte überhaupt keine Einrichtung. Ich wusste, dass wir eine Gemeinschaftsküche haben und bin davon ausgegangen, dass das eine eingerichtete Küche wäre. Aber Gemeinschaftsküche heisst nur 4 Platten und etwas Platz. In meinem Studio habe ich auch zwei Platten, die reichen mir. Also bin ich in den Billo-Laden Action gefahren und habe einen Teller, eine Schüssel, eine kleine Schüssel, eine Pfanne, eine Bratepfanne, ein Putzmittel, ein Schüfeli und Bäseli, etwas Besteck usw. eingekauft.

Womit ich noch gar nicht klarkomme, sind die Preise hier. Alles, was uni-related ist, ist wirklich sehr günstig, z.B. mein Studio, aber auch die Preise in der Mensa. Für 3.30 € kriege ich ein Mittagessen mit Salat und Dessert (schmeckt ehrlicherweise aber auch nach dem Preis, immerhin gibt es aber jeden Mittag Pommes) und – Achtung Misch, das wäre dein Traum – am Kaffeeautomaten kann ich mir für nur 45 Cents ein süsses, nussiges, kaffeeähnliches Getränk herauslassen. So diese Automaten, bei denen die Becher automatisch herauskommen. Ich habe das Gefühl, die sind in der Schweiz vom Wohlstand und Kaffeetrend ausgerottet worden. Die sind unterschätzt. Dank der Unikarte kann ich auch für knapp 4€ ins Kino, das muss ich noch etwas ausnutzen. Gleichzeitig sind Lebensmittel im Supermarkt echt teuer, teils quasi Schweizerpreise, besonders für Produkte wie Hafermilch oder Gemüse. Und am Samstag war ich auf dem Markt und habe für 3 Orangen (es seien die besten Orangen, die ich je gegessen haben würde, meinte der Verkäufer, sie waren wirklich nicht schlecht) und 2 Birnen mehr als SIEBEN EURO gezahlt. Alter.
Am Wochenende habe ich mir ein Schrott-Publibike geliehen und bin ans Meer gefahren. Schon cool, so nahe vom Meer zu wohnen. Allgemein geniesse ich den Geruch von Frühling, der sich hier wahrscheinlich wegen der südlichen Lage schon früher einstellt. Ich bin gerade etwas nostalgisch unterwegs.

Gerade tu ich mich noch etwas schwer damit, neue Bekanntschaften zu schliessen. Ich habe schon mit einigen Leuten gesprochen, finde es aber nicht einfach, den Schritt zu gehen, um zu fragen, ob wir mal zusammen etwas machen können oder einfach, ob ich ihr Insta haben kann. Sollte das nicht einfacher werden, je älter wir werden? Ich merke auch, dass einige jünger sind als ich, besonders in den Kursen, aber auch die Leute von Erasmus. Das ist aber okay, es ist einfach noch etwas gewöhnungsbedürftig. Lange war ich immer überall die Kleinste, dann eine Zeit lang nicht mehr, aber jetzt bei der Arbeit auch wieder.
Es klingt vielleicht nach viel hier, die meiste Zeit letzte Woche habe ich aber tatsächlich an meinem Handy verbracht, ich glaube, ich hatte noch nie so eine hohe Screentime, teils habe ich aber auch Podcast Empfehlungen von dir gehört. :) Weniger Screentime ist ganz sicher mein Vorsatz für nächste Woche.
Was ich diese Woche sonst noch gelernt habe:
Hier im Süden gibt man 3 Küsschen, wie in der Schweiz eigentlich, also unsere Grosseltern.
«Faire la grasse mattinée» (abgekürzt grasse matte) heisst ausschlafen. Ein Ausdruck, der mir schon öfters fehlte.
Enft steht für «en effet» und Vz für «Vas-y»
Na nga def heisst «wie geht’s» und Ma ngii fi «es geht mir gut» auf Wolof
Man sollte nicht alleine in einen Club gehen, auch wenn es ein geplanter Event ist.
Nun noch zu den Kategorien:
Etwas zum Essen: Wenig überraschend, aber mein Chèvre-Konsum ist jetzt schon auf einem sehr hohen Niveau. Am Markt habe ich sogar Bleu de Chèvre gekauft (also Ziegengorgonzola) und der ist noch einmal heftiger. Man kann diesen Käse einfach überall dazu essen und es schmeckt krass, I like, auch weil ich gerade noch keine Gewürze ausser Salz und Pfeffer besitze.
Etwas zum Lesen: Ich bin fast fertig mit Le harem du roi von Djaïli Amadou Amal. Ihr Buch les impatiantes zu einer ähnlichen Thematik war in Frankreich ein grosser Erfolg. In diesem neuen Roman geht es um Polygamie in Kamerun und besonders um das Leben und Treiben eines königlichen Hofs innerhalb eines afrikanischen Staats. Das ist jetzt max-white-gaze-problematisch, aber es liest sich wie eine Geschichte aus dem Mittelalter, spielt aber zur heutigen Zeit. Amal orientiert sich an wahren Begebenheiten, schreibt aber strikt fiktiv. Dies finde ich teils etwas herausfordernd, da die Thematik so aufwühlend ist. Ich google die ganze Zeit die einzelnen Begriffe. Da sind 10 Frauen, die sich um die Aufmerksamkeit des Königs streiten, die alle Kinder von ihm haben, es ist die Rede von Sklaven und traditionellen Pflichten und plötzlich kommen die sozialen Medien vor. Sehr empfehlenswert, auch wenn die meisten Charaktere etwas nerven und unsympatisch sind, aber das dient wohl auch dazu, dieses System zu kritisieren.
Etwas zum Hören: Ich mach hier jetzt eine mini Unterkategorie. Ich habe immer Ohrwürmer, eigentlich die ganze Zeit, es sei denn, ich höre gerade etwas oder muss mich sonst besonders konzentrieren. Da du weisst, dass ich mich für mein Unterbewusstsein unteressiere, habe ich diese Woche nun begonnen, sie zu tracken. Hier ist die Liste seit Freitag ohne Erklärung:
Bailando – Enrique Inglesias
Fate of Ophelia – Taylor Swift
Mia & Sebastian’s Theme – Lala Land
Fade out lines – the Avener, Phoebe Killdeer
Another day of sun – Lala Land (weil ich dann den Soundtrack gehört hatte.)
City of stars – Lala Land
Too sweet – Hozier
We are young – Fun
Etwas zum Glotzen: Mein Algorhythmus weiss jetzt, dass ich in Frankreich bin und der lustigste Account, bei dem ich wirklich laut herauslachen muss, ist @hugotouseul, besonders sein Video über Nicola Sarkozy. https://www.instagram.com/reel/DTgFfukjG7p/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA==
Alles Liebe
Vera
PS: Nachdem ich gestern Mittag den Brief verfasst habe, habe ich Abends eine "Freundin" gefunden in meinem Seminar. Hype.



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