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Liebe Vera

  • vor 6 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Danke für deinen letzten Brief. Wir haben uns schon darüber ausgetauscht, aber mir ist aufgefallen, dass die etwas depressiven und bedrückten Briefe meistens von mehr Menschen gelesen werden als die aufgetellteren. Etwas bedenklich, finde ich. Natürlich interessiert man sich mehr für die Reibungen und Konflikte als für »Alles ist gut« Texte, das verstehe ich natürlich. Trotzdem etwas schade, finde ich. Ich habe mich einmal sogar ganz kurz gefragt, ob ich eine langweiligere Person geworden bin, seit es mir besser geht. Das ist noch bedenklicher. Als ich dir das mitteile, meintest du »Ganz ehrlich ich lis das 100x lieber«. Darum wiederhole ich auch, was ich dir schon auf WhatsApp geschrieben habe: »Ich lis au vill lieber happy Text vo dir!« Lass uns also hochmütig bleiben. Und vielleicht auch ab und zu ein bisschen fallen. Ein Restrisiko bleibt immer.


Gerade trägt mich nicht nur generelle Freude sondern auch die Meer-Vorfreude durch die Tage. Ich kann es kaum erwarten. Denn in zweieinhalb Wochen komm ich dich besuchen, Vera! Und auch wenn ich mich am allermeisten auf dich freue, freue ich mich fast gleich fest aufs Meer. Es gibt diesen Satz, den ich immer wieder auf Pinterest und Insta und überall sehe (ich paraphrasiere): Es lässt sich alles mit Salzwasser heilen – Schweiss, Tränen, Meer. Ich weiss nicht, welche Abfolge die richtige ist. Aber als eine, die eigentlich immer schwitzt, regelmässig weint, und es nur ein bis zwei Mal pro Jahr ans Meer schafft, scheint mir diese Reihenfolge passend.


Gerade ist es aber auch in Basel schön. Wir hatten mehrere Male Temperaturen über 20 Grad – die Sporthosentage sind zurück! Naja fast, es schwankt noch alles ein bisschen. Aber die Wärme kommt immer wieder, breitet sich mehr und mehr aus, und das wertet fast alles auf. Der Kirschbaum in unserem Innenhof blüht nicht mehr, wird aber mit jedem Tag grüner. Das einzige Überbleibsel dieser zwei Wochen im Jahr, in denen er immer am schönsten ist, ist der weisse Blütenschnee auf unserem Balkon. Ich habe es noch nicht über mich gebracht, ihn wegzuwischen.


Der Balkon wird aber gerade wieder etwas aufgewertet. Ich habe diesen Schub jedes Jahr, wo ich das Gefühl habe, jetzt wird ein riesiges Makeover angerissen. Screenshots von Bauanleitungen für Liegeecken und Pflanzenleitern und was weiss ich nehmen dann Platz in meiner Galerie ein, für so zwei Wochen fühle ich mich enorm selbstständig, obwohl die Projekte nur in meinem Kopf leben. Wenigstens habe ich schon mit den Pflanzen angefangen. Nur bunte Blumen (und eine Zitronenmelisse) wurden angesät und eingetopft. In allen Töpfen haben sich auch schon Mini-Keimlinge gebildet, die ich fleissig täglich mit einer dieser Spritzflaschen besprühe. Meistens hält die Phase, in der ich ein gutes Pflanzenmamis bin, so einen Monat an, aber ich glaube an mich (wie immer).


Ich bin generell immer noch sehr in Bastel- und Sidequest-Laune. Meine Therapeutin meinte, das sei vielleicht ein guter und produktiver Nebeneffekt des nicht mehr Rauchens. Ich sorge mich also gerade um meine Pflänzli, fange immer wieder neue Strick- und Häkelprojekte für den Sommer an, bis ich merke, dass ich doch keine Lust mehr darauf habe, ich spiele viel Gitarre und habe immer Angst, dass ich die Nachbar*innen damit nerve, ich mache ein Fotoalbum fürs letzte Jahr. Letzte Woche war ich ausserdem wieder einmal im Deutschen einkaufen (mea culpa). Ich brauchte etwas länger als 20 Minuten pro Weg, radelte aber in kurzen Hosen bei über 20 Grad dem Rhein entlang, und machte dann Grosseinkauf. Sich so Zeit zu nehmen für einen Einkauf, ist eben manchmal auch irgendwie schön. Ich war fast eine Stunde in dem Einkaufsladen. Grund dafür war aber auch meine Überforderung mit der schieren Grösse des Schuppens. Aber du hast ja meinen Vlog bekommen. Banger.


Ich hab mich nämlich gefilmt und danach so eine solide Stunde auf CapCut verbracht. Auch eine Sidequest. Die hatte ich aber nötig, weil ich nervös war wegen des anstehenden Zahnitermin am Abend. Loch flicken ist immer scheisse, diese Spritze ins Zahnfleisch ist immer scheisse, aber es war dann doch ganz okay. Der hotte Zahnarzt bondete mit mir übers Handball (er ist Schiri, buuuuh) und gab mir die Kinderspritze, die man nicht spürt. Ehrenmann.


Trotz all den Aktivitäten finde ich es immer noch ziemlich schwierig, nicht zu rauchen. Ich glaube, es macht schon Sinn, habe ich jetzt mal für eine Weile ganz reduziert. Ein toxischer Teil von mir sagt sich trotzdem, dass ich im Sommer wieder ab und zu irgendwo einzelne Zigis schnorre. Wir werden sehen, wie gut meine Selbstbeherrschung ist, wenn es noch wärmer wird. Schon an diesen Frühlingstagen ist es nämlich um einiges schwieriger, nicht einfach am nächsten Kiosk ein Päckli zu kaufen. Ich denke daran, dass wir alle schon so lange on und off- und partyrauchen. Dass wir früher von unseren Leiter*innen schnorrten, unser Lieblingsleiter uns irgendwann Zigis kaufte, weil wir noch nicht 18 waren und ihn darum baten. Ich romantisiere das alles enorm, das weiss ich natürlich. Aber mit 19 in lauen Sommernächten in Hotpants und einem Hoodie um halb 1 Uhr morgens eng beieinanderstehen und einander rauchend Dinge gestehen, die man nur in genau solchen Sommernächten laut aussprechen kann? Top 10 Gefühle vielleicht! Man kann jetzt sagen, dass ich das einfach anders framen sollte. Dass das Gewohnheiten und Stereotypen und verinnerlichte Bilder sind. Warum sollte ein geflüstertes Geheimnis weniger wert sein, wenn es nicht um eine Zigarette herum gemurmelt wird? Ich bin nicht sicher. Ich denke noch weiter darüber nach. Ich melde mich, wenn ich eine Antwort gefunden habe.


Vom Rauchen nun zu den Kategorien.


Etwas zum Essen: Eierbrötli – ich bin echt keine sonderlich grosse Fan vom Eiertütschen an Ostern, aber mit enorm viel Mayonnaise und Aromat scheppert es eben schon.


Etwas zum Glotzen: A. wird mich dafür hassen, aber ich habe Heated Rivalry endlich geschaut. Und obwohl ich seine Kritikpunkte alle nachvollziehen kann, war ich doch sehr hooked. Ich habe das Buch vor ein paar Wochen gelesen und war wirklich überhaupt nicht beeindruckt. Aber die ganze Art, wie erzählt wird (vor allem die Zeitsprünge und die krassen Raffungen) funktionieren als Serie sooooo viel besser als im Buch. Ich war wirklich sehr hype, obwohl ich mir nach dem Lesen sicher war, dass ich die Serie auch nicht gut finden werde.


Etwas zum Hören: Ich habe den Comedian Horatio Gould für mich entdeckt. Sein Standup Zeugs ist echt gut, sein Special hat er auf YouTube hochgeladen. Er hat ausserdem zwei Podcasts, die ich beide sehr gut finde. Zum einen ist er bei »Fin vs. History« dabei, wo Fin Taylor und er jeweils historische Ereignisse enorm ranzig und fehlerhaft zusammenfassen (Banger). Dann hat er noch den »Boys Gone Wild« Podcast mit Andrew Kirwan – mehr random Gelaber, aber das mag ich halt auch ganz gerne.


Etwas zum Lesen: Ich bin noch nicht ganz fertig, aber ich lese endlich »Deep Cuts« von Holly Brickley. Schon lange auf meiner Liste, dann habe ich es im Buch-Abo, das ich von L. geschenkt bekommen habe geschickt bekommen (Shoutout an B. und ihr Forum in Liestal). Sehr Musik nerdig und gut. Ich lese es echt gern, aber ich weiss, dass mein 17-jähriges Ich es noch viel besser gefunden hätte. Irgendwie schreit es für mich »Misch im Gymi.« Jedenfalls macht es Spass, obwohl es auch ein bisschen traurig ist.


Ausdruck der Woche: Aprileuphorie.


Von so vielen Dingen habe ich jetzt gar nicht geschrieben. Von den Welpen bei P. und w., von Feierabend-Guinness mit S. und J., vom Brunchen und Kalender planen mit allen, von IKEA mit B. und seinem Geburtstag. Aber egal. Ich belasse es dabei. Ich freue mich uuuu mega fescht darauf, dich am Wochenende zu sehen. Und noch feschter freue ich mich auf eine persönliche Montpellier-Tour von dir, zwei Nächte auf der Matratze in deinem Studio, französisches Bier, französische Bars, Englisch zu reden mit deinen Friends, weil mein Franz echt richtig schlecht ist, sogar auf die 20 Stunden Flix-Bus freue ich mich irgendwie. Und natürlich einfach auf dich und eben das Meer, immer wieder das Meer, das Meer, das Meer.


Han di gärn, ich druck der d Düüme für am Fritig!


Alles Liebe

Michelle




Die kleinen Babys auf meinem Balkon! <3
Die kleinen Babys auf meinem Balkon! <3

 

 
 
 

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