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Liebe Michelle

  • vor 24 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Ich bin ein bisschen im Stress, da ich den Brief genug schnell schreiben muss, damit du ich noch in deiner Vorlesung lesen kannst und ja, ich habe jetzt gerade eine halbe Stunde lang vor mich hin prokrastiniert mit Instagram und Konzerten oder Theatern, die ich schauen gehen könnte.


26.03

How’s life? Heute bin ich genau 2 Monate hier! Die Zeit vergeht wie im Flug! Ich bin gerade ziemlich müde, da ich auch ein bisschen krank bin, so dumme Hals-, Kopf-, Bauchschmerzen, gepaart mit so etwas wie meinen Tagen und Muskelkater vom Gym. Vielleicht auch als Frühlingsgrippe zusammenfassbar. Am Wochenende habe ich ziemlich viele Pläne, deswegen muss das noch weggehen bis dann. Ansonsten läuft es hier nicht schlecht. Ich war viel in der Bib am stundenlang irgendwelche dumme Präsentationen oder Dossiers auf Canva formatieren, was eigentlich nicht so lange gehen sollte. Ausserdem schreibe ich eine Arbeit in Psychoanalyse, was etwas wild ist, aber auch noch cool, sich da einzulesen. Anscheinend ist das Feld in Frankreich noch viel verbreiteter als bei uns. Es gibt auch viele zeitgenössische «Forschungstexte».  Als Traumfanatikerin sind mir gewisse Dinge von diesem Freud-Gugus gar nicht so fern. Springen wir einen Tag zurück.


Gestern war so ein richtiger Vera-Tag. Ich habe am Mittag in der Mensa erst an der Kasse gemerkt, dass ich meinen Studiausweis nicht mehr habe. Wohl nicht zurück ins Portmonee gesteckt. Daraufhin meinte die Frau an der Kasse, dass ich mein Tablett mit dem Essen stehen lassen muss (man kann dort wirklich nur mit der Karte bezahlen) und die Mensa verlassen soll. Nicht einmal J. durfte für mich zahlen. Sie hat mir trotzdem ihre Karte hingestreckt, was die Frau an der Kasse gesehen hat und wütend machte, glücklicherweise gab es aber auf der anderen Seite noch eine andere Kasse (ausser Sichtweite). Die Frau versuchte J. dann zu erklären, warum ich gehen musste, J. war aber (verständlicherweise) genervt und hat ihr gesagt «arrête, je m’en fous» («Hör auf, juckt mich nicht», Legende) woraufhin die Frau ausgetickt ist und J. angeschrien hat. Durch die ganze Mensa. Leider habe ich die ganze Szene verpasst, das hat mich sehr gereut. J. meinte danach stolz zu mir, dass sie gerade das erste Mal auf Französisch gestritten hätte. Nun, wie du siehst, wir machen uns hier als Austauschstudentinnen nicht gerade beliebt. Abends hätte ich die Karte dann nochmals gebraucht. Nun ja, nervig. Aber ich versuche diese Sachen (wie mein schönes Foulard, dass ich auch verloren habe) nicht zu nahe an mich ranzulassen und einfach das Beste zu versuchen. Sonst kippt es schnell mal.


Letztes Wochenende war ich ebenfalls mit J. am Meer am Freitag und sogar IM MEER. Yes, das erste Mal dieses Jahr. Es war schon sehr kalt, muss ich zugeben. Gab mir schon mehr Eisbaden-Vibes als gemütliches Bädele, aber es hatte sich gelohnt, definitiv. Danach sind wir mit dem Velo durch die Etangs zurückgefahren. Obwohl es doch etwas mehr als eine Stunde mit dem Velo geht bis ans Meer freue ich mich sehr auf den Sommer. Da krieg ich dann straffe Wädchen.


Am Tag darauf sind wir mit einer Erasmus-Reisegruppe nach Roussillon und Aix-en-Provence gefahren. Roussillon ist ein kleines Dorf in der Provence, daneben gibt es den Parc d’Ocre, so ein Park mit orangem Gestein, auch kleiner Grand Canyon genannt (weiss nicht, ob der wirklich so genannt wird, oder nur von unseren Guides, ist ein bisschen übertrieben, vielleicht minuziöser Grand Canyon). War aber sehr schön. Die Gruppe war mühsam, es gab ständig «Group Picture!» und irgendwann haben J. und ich begonnen uns wie so Teenies auf Schulreise zu benehmen, die sich über alles und jede/n lustig machen und ich sag dir, diese Stimmung ist einfach unbezahlbar. Ich liebe das schon und weiss genau, dass du weisst, was ich meine. In meinem Job bin ich täglich so viel hormonellem Gekicher ausgesetzt, sich dann einmal selbst wieder darin wiederzufinden und mich über «Autoritäten» lustig zu machen, gibt mir eine Leichtigkeit, die ich gerne ein paar Stunden in mir spüre.



Ich führe eine neue Liste mit neuen französischen Wörtern, die ich lerne. Auch wenn ich lange nicht alle aufschreibe, dachte ich, dass ich sie hier teilen werde. Nicht, damit alle Französisch lernen (macht es trotzdem), sonders weil es auch in einer gewissen Weise meine Diskussionen zusammenfasst und weil Banger-Ausdrücke dabei sind. Hier also die Liste, tbc. 


  • Pâquerette - Gänseblümchen

  • Bouche d'égout - Dole

  • jeûner - fasten

  • tirer une taff - e Zug ne (Zigi)

  • garder qn sous le coude - warm halten

  • metttre une patate - donner un coup de poing

  • Le feu au lac - Stress (pas le feu au lac, kei Stress)

  • lâche - feige

  • brioche à la cannelle - Zimtschnecke

  • La fourche - Heugable

  • La sauge - der Salbei

  • Le castor - der Biber

  • Le serment - Eid

  • Le clous de girofle - Nelken, Gewürz

  • Colon - Darm

  • Coloscopie - Darmspiegelung

  • Piplette - personne (f) qui parle sans arrêt

  • 1 chacun balle au centre - quitt sii

  • pomper - sucer (sex.)

  • mitigé - mittig, geteilt

  • Solstice - Mittsommer

  • Procuration - Vollmacht

  • Équinoxe - irgendöbbis Winkel mit Sunne

  • Bifler - gifle & bite, mit em Schwanz e Ohrfiige ge

  • révérence - Verbeugig, Knick

  • Dameuse - Pistenfahrzeug

  • damer – walzen


Was ist sonst noch so passiert?


  • Ich versuche weiterhin meine Gym/Physioroutine stabil zu halten, was nicht immer gleich gut funktioniert, aber mein Ziel ist es, am 4. April 15min joggen zu gehen.

  • Frankreich hat im Rugby das Six-Nations Turnier gewonnen und ich habe in der Altstadt herumgeschrien. Ausserdem habe ich mich während des Turniers in Théo Attissogbe verliebt. Louis Bielle-Biarrey auch ein bisschen. Wir kommen in ein Alter, wo es irgendwie komisch ist, auf 20-jährige Profisportler zu geiern, aber ich finde ihre Berühmtheit gleicht das aus.

  • Ich wurde vor 30 Minuten vor einem ‘Date’ gedumpt, weil der Typ länger im Gym bleiben wollte! («Je finirai tard la salle»)

  • Ich habe die asozialste Nachricht meines Lebens erhalten.


Ein paar Sätze aus meinen Notizen:


5. März:

Ich ka eimol durch Believer vo Imagine Dragons planke.


9. März:

Ich vermisse Blumen. Ich weiss nicht, ob es am Klima oder am Reichtum der Schweiz liegt, dass es hier viel weniger Blumen hat.


22. März:

Das Gefühl von Hyperintellekt, wenn man beginnt Namen als Adjektive zu verwenden. Der kafkaeske Einfluss, die freudsche Perspektive, la lumière kleinienne.


So, ich glaube, das wär's. Es freut mich sehr, dass du wieder Handball spielen kannst! Auch wenn eure Saison jetzt vorbei ist. Und ich wünsche dir den gleichen Uni-Flow wie du letztes Jahr hattest. Und dass du das Genz-Z-Marketing-Girly-Sein immer noch gleich zelebrieren kannst. Wenn nicht jetzt im Frühling, wann dann.

Nach diesem Chaos, noch die Kategorien, muss mich sputen.


Etwas zum Hören: melodrama von Theodora und disiz, es ist überall, es haunted mich. Im Gym darf man keine Kopfhörer haben, aber es hat ein Radio, da läuft so etwas wie Energy und dieses Lied kommt 5 Mal in der Stunde, gefühlt. Aber eigentlich Banger.


Etwas zum Essen: Tiramisù, bestes Dessert, da ich kein Ofen habe.


Etwas zum Lesen: Habe endlich Malibu Rising von TJR begonnen und liebe es! Ich freue mich darauf, weiterzulesen.


Etwas zum Glotzen: Ich braue im nächsten Brief deine Meinung zu American Boy von Marcello Hernández. Ich hatte nämlich so grosse Erwartungen und wurde richtig enttäuscht.


Wort der Woche: Sommer-Sonne-Auto-Strand-Vorfreude.


Alles Liebe


Vera

 


 
 
 

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