Liebe Vera
- vor 5 Stunden
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Vorab: bitte such dir keinen Job in Frankreich. Das würde ich dir nie vergeben.
Ich habe im letzten Brief bereits ausführlich genug darüber geschrieben, wie sehr ich mich auf das Meer freue. Und auf dich natürlich. Da sind aber ein paar andere Dinge, auf die ich mich auch freue: Übernachtungsparty-Vibes in deinem Studio! Wir machen zu wenige Übernachtungspartys. Sollten wir wieder einführen. Mit Französ*innen Englisch reden und sie zuerst nicht richtig verstehen, weil ich mir den Akzent nicht gewohnt bin. Französisch hören, überall. Ist eben schon eine schöne Sprache. Bereuen, dass ich im Gym nicht besser gelernt habe. All die Bars abklappern, in denen du all dein Geld ausgibst. Montpellier sehen. J. kennenlernen. J. kennenlernen und ein bisschen cringen, weil ich weiss, dass sie bereits 8 Kapitel (7 mit denen ich zufrieden bin und eines mit dem ich gar nicht zufrieden bin) meiner Romance gelesen hat. Sogar auf den Flixbus freue ich mich ein bisschen. Mit meinem Laptop, Notizbuch, zig heruntergeladenen Podcasts, einem Strickprojekt und der Vorfreude beladen wird das gar nicht so schlimm, glaube ich. Immerhin habe ich allein auch schon eine viertägige Heimfahrt von Norwegen überlebt, da schaff ich es schon, mich 10 Stunden zu beschäftigen.
Ich finde keinen guten Übergang zu meiner Hyperobsession der Woche, darum abrupt. Ich habe mich im Sand verloren. Ich habe diesen Post auf Substack gesehen, und er hat mein Leben ein bisschen verändert.

Bin ich einfach dumm oder gibt es andere, die auch nicht wussten, dass Sand von Nahem so aussieht? Also logisch wusste ich, dass das irgendwie Steine und Sedimente sind und so. Aber dass es so schön aussehen kann? Ich war wirklich echt geflasht davon. Bin es immer noch. Ich mochte Sand sowieso schon, aber hallo? What a beauty! Wie existieren solche Bilder und ich habe sie erst jetzt gefunden? Es kam wirklich sofort meine innere Kristall-Tante aus mir raus, die oft latent existiert, aber sich nur selten an die Oberfläche drängt. Meistens nur eine Hand voll Male im Jahr, wenn ich den Stein, den ich einmal geschenkt bekommen habe (von wem, weiss ich nicht mehr), der anscheinend mehr Selbstvertrauen bringen soll, bei Prüfungen oder Vorstellungsgesprächen in meiner Hosentasche verstaue. Diese Eso-Misch glaubt daran, dass wir Menschen immer noch genügend Natur verbunden sind, dass tatsächlich etwas an diesen Steinen liegt. Ich sollte mich diesem Vertrauen vielleicht etwas öfter hingeben.
Dieser einzelne Post eröffnete mir jedenfalls ein neues Rabbit-Hole. Ich fand folgende Seite: Sand Under a Microscope - Magnified Sand Photos. Sehr spannende Website. Dort gibt es eine Verlinkung mit Google Earth, die einen direkt zu verschiedenen Stränden führt. Ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr auf Google Earth unterwegs! Irgendwie hat sich das in meinem Kopf auch mit Maps vermischt und ich wusste gar nicht mehr aktiv, dass das existiert. Früher zeigte Papa uns dort (also eben auf Earth) immer, wo wir im Sommer in die Ferien fahren würden. Das war immer so faszinierend, wenn man wirklich genau auf den Zeltplatz sehen konnte, wo wir dann campierten. Morgens, wenn ich vor allen anderen im Haus wach war als Kind, besah ich mir dort am Familiencomputer all die Orte, wo ich selbst mal hinwollte. Meistens lief ich einfach durch London oder New York. Bis B. dann aufwachte und wir für die nächsten zwei Stunden auf eine dieser Flash Games Seiten wechselten. Die Maus hin und her schoben zwischen uns, ab und zu stritten, weil abwechseln als Kinder oft gar nicht so einfach war. Damals entstand übrigens auch mein erstes Romanprojekt. Mit so zehn Jahren am Familiencomputer. Leider (oder vielleicht zum Glück) existiert das nicht mehr, verschwand, als besagter Familiencomputer von einem Virus aufgefressen wurde. Es ging um ein Zwillingspaar (ich weiss nicht einmal mehr ihre Namen), eine der beiden wurde entführt und dann musste die andere sie mit ihren Freundinnen retten, weil die Polizei unfähig war (lol). Ich will nicht zu Millenial werden, aber das Thema Familiencomputer fasziniert mich schon immer noch. Die Regeln und Kulturen, die in verschiedenen Haushalten herrschten, finde ich spannend. Wie war das bei euch? Wir hatten zwar Regeln und Zeitbegrenzungen, an die ich mich nicht mehr so gut erinnern kann, aber da wir bekanntlich Schlüsselkinder waren, als Mama wieder zu arbeiten begann, wurden die nicht immer eingehalten. Wie war das bei euch so?
Sorry, zurück zu meinem Rabbit Hole. Denn seit Donnerstag grabe ich mich durch verschiedensten Sand-Content und lese nach, wie sich der Sand an verschiedenen Orten auf der Welt unterscheidet. Ich habe darauf gehofft, dass Sand aus Montpellier oder wenigstens aus Frankreich erwähnt wird, das ist leider aber nicht auf der Liste. Der nächste Eintrag der Liste ist ein Strand in Genua ca. 550 km von Montpellier entfernt. Ehrlich gesagt ist der Sand dort aber nicht so schön wie andere. Ich hoffe, deiner ist schöner.
Und weil ich zu obsessed war, folgt nun mein Mikroskopisches Sand-Ranking, das keine*n interessiert. Bei den Links findet ihr sofort Bilder, gönnt euch!
Platz 5: Ain Diab Beach in Casablanca
Platz 2: Gypsy Cove auf den Falklandinseln
So viel dazu! Weiteres unnützes Wissen, dass sich Leute über mich ansammeln können. Haben sich bestimmt alle schon gefragt, was denn mein Lieblingssand ist. Jetzt wisst ihr's. Wenigstens optisch. Gefühl zwischen den Zehen kann ich nicht beurteilen. Der in New York. Passt irgendwie. Gerade diese Woche habe ich auf meine Notizen-App-Liste mit dem Titel »(Slightly unrealistische) Dinge, die ich irgendwann machen will« geschrieben: »Auf einer Feuertreppe (Feuerleiter?) in New York eine Zigarette rauchen«. Da drängt sich nicht die Eso-Tante hervor, sondern die verblendete Popkulturkonsumentin. Auf der Liste steht übrigens auch »Ein Buch bei einem Verlag veröffentlichen«. Hey, dream big, oder? Die restlichen Punkte stehen aber streng unter Verschluss und werden hier nicht geteilt.
Wie du siehst, habe ich viel Gehirnkapazität für solche banalen Dinge wie Sand. Obwohl ich (noch einmal) unterstreichen will, wie sehr Sand eben nicht banal ist. Hast du dir die Bilder angeschaut? Du hast gerade nicht so viel Gehirnkapazität, ich weiss. Immerhin hast du geschrieben, du seist verliebt. Da kann man halt nicht mehr klar denken. Aber das ist eben auch sehr toll. Ich bin etwas neidisch auf deine Verliebtheit. Wenn ich etwas vermisse, dann ist es dieses kribblige, hibblige, ameisige Gefühl tage- und wochenlang in mir zu tragen. Bitte schreib ganz viel darüber (wenn du magst). Denn wenn ich erst einmal wieder an diesen Punkt komme, ich sag's dir. Sei gewarnt. Dann gibt es nur noch Kitsch. Lastwagenladungen an Kitsch. Ich freue mich darauf.
Dieses Einlesen und sich Vergraben im Sand ist ein Zeichen für das Ende des Semesters, das näher rückt. Ganz viele Dinge wiegen mit diesem Endsemesterstress zwar etwas schwerer, doch vielleicht funktioniert das mit dem «Reframen», das ich in Therapie gelernt habe/immer noch lerne, eben doch. Denn obwohl diese letzten zwei Wochen nicht die allerbesten waren, obwohl meine Bildschirmzeit so hoch war, wie lange nicht mehr (Tagesdurchschnitt 5 Stunden), obwohl ich so schlecht schlafe wie seit Langem nicht mehr, obwohl da wieder ein Panikmoment war, in dem mein Körper plötzlich nicht mehr so richtig mitmachen wollte, in dem keine Luft mehr kam, dafür all die Tränen. Obwohl ich Candy Crush wieder heruntergeladen habe, trotz dem Schwur vor ein paar Monaten, das nie wieder zu tun, weil ich sofort süchtig werde (mittlerweile übrigens wieder gelöscht). Trotz all diesen Sachen ist die kitschige Dankbarkeitsliste in meinem Notizbuch so viel länger. Fällt so viel mehr ins Gewicht. Mittagspausen in der Sonne. Die Aussicht auf Meeresluft und eine meiner besten Freundinnen. Fussball spielen am Samstagnachmittag auf dem Tschuttiplatz meiner Kindheit. Guinness in der Sonne vor dem Pub und auf unserem Balkon. Spaziergänge allein oder zu zweit. Mit dem Velo durch Basel fahren. Meine neue Sonnenbrille. Freundinnen, die fragen, ob alles okay ist, weil ich den Chat nicht ganz so doll zuspame wie sonst immer. Die 20 Minuten, die sich unsere Gruppe, alle mit offener Kalenderapp, genommen hat, um unseren Sommer zu planen, bevor all die Wochenenden besetzt sind, weil es eben allen immer noch wichtig ist, sich zu sehen. Das Schreiben, das mir wieder einfacher fällt als auch schon. Das neue Noah Kahan Album. Frische Bettwäsche. Handballtrainings, für die ich mich zuerst aufraffen musste, die dann aber so guttun. Mikroskopische Sand Aufnahmen. Da ist noch ganz viel mehr. Aber das reicht fürs Erste.
Jetzt noch die Kategorien.
Etwas zum Lesen: Wie bereits erwähnt, liebe ich kitschiges Zeugs. Darum hat auch diese Instagram-Lyrik, wie sie immer wieder in meinem Feed auftaucht, einen speziellen Platz in mir. Besonders mag ich gerade dieses Gedicht, das in meinen Algo gespült wurde.
Etwas zum Essen: Hotdog. Vielleicht eines der reudigsten Essen? Würde ich nie für mich selbst machen zuhause. Aber im Fussballstadion scheppert das echt so sehr.
Etwas zum Hören: Eigentlich empfehle ich das ganze Noah Kahan Album »The Great Divide«. Aber weil das sowieso niemand ganz hört, wenigstens das Lied »Doors«, das sich direkt in mein Herz gegraben hat. Schaut das Lyrics Video an und lest mit.
Meine liebste Zeile ist: Have you ever stared directly at the sun?
Meine zweitliebste: You knocked.
Etwas zum Glotzen: Mein Crush auf Ryan Gosling ist zurück. Schaut alle »Project Hail Mary«, bitte. Auf dem grössten Screen in eurem Kino des Vertrauens. Es lohnt sich. Ich hab das Buch vor zwei Jahren empfohlen, fand schon das unglaublich gut, der Film schliesst sich dem an. Ich hab die ganze Zeit gelacht, aber auch vier Mal geweint.
Ausdruck der Woche: Heimsieg.
In vier Tagen bin ich bei dir. Ich kann das Meer schon riechen.
Alles Liebe
Michelle




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