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Liebe Vera

  • vor 7 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Vorab: Ich habe mir für den heutigen Brief ein allgemeines Fussball-Verbot gegeben. Nicht, weil ich an all unsere Leser*innen denke, die sich nicht dafür interessieren, sondern weil das Thema generell zu deprimierend ist. Newcastle durchlebt gerade eine harte Phase und hat seit 5 Spielen nicht mehr gewonnen. Schwierig, sage ich dir. So viel dazu. (Update vom 12.02.2026: Wir haben am Dienstag zum Glück wieder gewonnen, im Wohnzimmer wurde geschrien!)

 

Ich bin froh, gefällt es dir in Montpellier, und kommst du langsam an. Ich bin vor allem neidisch auf deine Nähe zum Meer. Du weisst, wie gern ich am Meer bin. Ich lebe hier im Binnenland im Glauben, dass ich jeden Tag ans Meer fahren würde, wäre ich in Velonähe davon. Vermutlich würde ich das nicht tun, sind wir ehrlich. Ich würde mich wohl daran gewöhnen und das alles nicht mehr so schätzen. Aber gerne stelle ich mir regelmässig vor, wie es wohl wäre, so konstant nah an dieser Wassermasse zu sein. Wie ruhig ich wäre, wie geerdet. So wie in den Ferien immer. Wenn ich zum ersten Mal nach einem Jahr wieder das grosse Blau vor mir sehe, und das ganze Chaos in mir, das so selten leiser wird, sich sofort etwas beruhigt. Der Rhein hilft manchmal auch, aber er ist kein Vergleich. Wellen, die ans Ufer gespült werden, sind effektiver, wenn man am Horizont kein Ende sehen kann. Ich hoffe, du schöpfst das aus. Ich hoffe, du gewöhnst dich in diesem halben Jahr nicht daran.

 

Gerade freue ich mich über kleinere Sachen als das Mittelmeer. Letzte Woche habe ich zum Beispiel einen neuen pinken Stift aus einer kleinen Boutique am Spalenberg gekauft. Ich brauchte noch Geburtstagskarten und wurde schwach. Gedacht ist das 3er-Set wohl als Geschenk für eine Person, die man gerne hat, eine beste Freundin oder so. Denn auf den drei Stiften stehen Dinge wie »Partner in Crime« oder »Soul Sister«, aber das ist auch ein bisschen egal. Wichtig ist die leuchtig pinke Tinte, mit der mein Notizbuch jetzt gefüllt wird. Du kannst dich also auf einen pinken Brief freuen, wenn ich denn endlich dazu komme, dir auch mal analoge Post nach Frankreich zu schicken.

 

Ansonsten bereite ich mich mental wieder aufs Semester vor. Plane meine Wochen im Voraus, versuche Regelmässigkeiten in meinen Stundenplan einzubauen, um dem absehbaren Stress prophylaktisch etwas entgegenzuwirken. Natürlich klappt das meistens nicht so gut, wie ich mir das jeweils im Vorhinein vorstelle, aber ich probiere es jedes Semester aufs Neue wieder. Natürlich hilft nicht, dass die Dozierenden noch keine Materialien hochgeladen haben. Anscheinend wollen sie Leuten, die vielleicht noch arbeiten unter dem Semester, keine Chance geben, schon etwas vorzuarbeiten. Was ich aber schon tun kann, ist, ein bisschen zu lesen. Ich habe eine Vorlesung über Goethe und auch wenn es ein bisschen uncool ist, zu sagen, dass mein Lieblingsbuch vom grossen Goethe ist, ist es doch sehr schön, wieder einmal zum Werther zurückzukehren. Gemeinsam mit der Sturm und Drang Vorlesung, die ich auch genommen habe, habe ich dieses Jahr nämlich ganze vier Vorlesungssitzungen über den Roman. Ich freue mich sehr! Macht die Prüfungen auch etwas einfacher, denke ich. (Work smarter not harder, right?)

 

Meine Ausgabe von »Die Leiden des jungen Werther« wieder zu lesen, macht sehr Spass. Ich verdrehe die Augen bei gewissen Notizen, die ich an den Rand geschrieben habe, aber damit kann ich leben. Eigentlich ist es auch spannend, zu sehen, was sich die 18-jährige Misch so gedacht hat beim Lesen. Ich weiss, ich weiss, es gibt viele Dinge, die man hinterfragen darf, bei der Goethe Lektüre. Vor allem beim Werther. Wie wenig Handlungsspielraum Charlotte bekommt und wie obsessiv ihr Werther nachhängt, obwohl sie bereits verlobt ist. Alles mehr als ein bisschen schwierig. Aber so viele Worte hallen in mir nach, wenn ich das Buch lese, dass ich darüber hinwegsehen kann. Auch wenn ich die Frage nach dem Lieblingsbuch selten spontan beantworten kann, komme ich in meinen Gedanken immer wieder zum Werther zurück. Meistens fühlt es sich zu snobby und zu elitär an, ein Goethe-Buch zu droppen bei der Frage. Auch in meinen Unikreisen gebe ich es nicht so gerne zu. Denn in der jungen, intersektionalen Phil-Hist-Bubble liegt Goethe tatsächlich nicht so hoch im Kurs. Aber gerade merke ich, dass mir das Buch wirklich sehr doll am Herzen liegt. Darum freue ich mich sehr auf die Vorlesungen.

 

Ich gehe gerade durch meinen Kalender, um zu schauen, was sonst noch so passiert ist, und fast hätte ich etwas vom Wichtigsten vergessen: ich war letzte Woche am Faber Konzert in Basel. Ich habe nachgezählt, und es war mein 15. Faber Konzert. Etwas übertrieben vielleicht, aber ich gebe mich meinen Obsessionen halt richtig hin, wie du weisst. Er hatte eine grössere Band dabei als die letzten Male, als ich ihn live gesehen habe, es gab keine Vorband und das Set dauerte zweieinhalb Stunden. Wow! Obwohl ich seine Musik in letzter Zeit nicht mehr so viel gehört habe, war das Konzert wirklich so, so, so gut. Die meisten Texte sind immer noch tief in mein Hirn und mein Herz eingebrannt, die Musik ist catchy, und alles in allem war das meinen geschwollenen Fuss nach fast drei Stunden hin und her schaukeln definitiv wert. Sie haben am Ende noch ein paar neue Songs gespielt, ich freue mich also sehr auf diese Releases, wenn sie dann irgendwann kommen.

 

Sonst war alles eher unspektakulär. Wie man vielleicht schon gemerkt hat, als ich mit meinem neuen pinken Stift eingestiegen bin, lol. Aber daher nun noch zu den Kategorien. Das meiste haben wir gestern schon bei unserem langen Telefonat (2 Stunden 40 Minuten) ausführlich besprochen, aber here goes:

 

Etwas zum Glotzen: Die Super Bowl Half Time Show! Ich habe mich in den letzten Wochen endlich an Bad Bunny gewagt, obwohl ich immer etwas skeptisch war, weil ich Musik ja gerne über die Texte auf mich beziehe. Ich spreche halt leider kein Spanisch. Aber sein Album ist echt so gut! Der Grammy ist absolut verdient <3 Die Half Time Show war unglaublich krass. Ich bin immer sehr beeindruckt von so grossen Fernsehproduktionen. Ich bekomme schon eine Panikattacke, wenn ich nur daran denke, bei sowas für die Regie zuständig zu sein. Kann ich mir echt nicht vorstellen. War wirklich extrem gut! Ich musste ein bisschen weinen am Schluss.

 

Etwas zum Lesen: Ich lese wieder mehr und bin sehr im non-fiction Film gerade. Ich habe ja im letzten Brief schon Adam Aleksics Newsletter empfohlen. Mittlerweile habe ich sein Buch Algospeak: How Social Media Is Transforming the Future of Language gelesen. Wow, was ein Buch!  Wirklich was vom Besten, das ich in letzter Zeit gelesen habe. Etwas nischig vielleicht, aber so unglaublich interessant. Und obwohl die Thematik sich stellenweise sehr apokalyptisch anfühlt (vor allem der Gedanke daran, dass Algorithmen einen solch krassen Einfluss in unseren Sprachgebrauch haben…), schafft Aleksic es immer wieder, sehr optimistisch zu bleiben. Er beschreibt Trends und Modewörter, die Teenies benutzen mit sehr viel Liebe und Enthusiasmus. Denn Sprachwandel gehört nun einmal einfach dazu, auch wenn das nicht immer alle verstehen. Trotzdem legt er eben auch die meiner Meinung nach nötige Dringlichkeit an den Tag. Unterstreicht, wie wichtig es ist, sich über gewisse Funktionen der Social Media Algorithmen bewusst zu sein. Er schafft diese Balance enorm gut. Echt eine grosse Empfehlung!

 

Etwas zum Hören: Ich lese nicht nur viel, sondern höre auch wieder mehr Hörbücher über meine Libby Bibliotheks-App. Daher noch einmal ein Buch. Gerade bin ich am 7. Percy Jackson Band Wrath oft he Triple Goddess und bin wieder aufs Neue verliebt in die Reihe. So viel Humor, trotzdem auch so viel Tiefe. Und das auf eine Art, die für Kinder und junge Erwachsene geschrieben ist. Rick Riordan liefert einfach konstant ab.

 

Etwas zum Essen/Trinken: Das ist immer die schwierigste Kategorie für mich, weil ich bekanntlich sehr festgefahren bin, was meine Essgewohnheiten angeht (Untertreibung des Jahrhunderts). Ich koche immer die gleichen zehn Dinge und rotiere einfach. Momentan bin ich aber grosse Fan von Schwarztee mit einem Schluck Milch. Gewinnt den Kampf gegen den Kaffee gerade fast jeden Morgen.

 

Ausdruck der Woche: Aprés-Ski-FOMO (Die habe ich gerade sehr doll, weil ich einfach die most easily influenced Person ever bin und zu viele Storys von Leuten beim Ski fahren und im Aprés Ski gesehen habe die letzten zwei Wochen.)

 

Fühl dich gedrückt, du bist ja schon bald wieder hier und wir können uns richtig drücken. Fahr für mich einmal mehr als nötig ans Meer. <3

 

Alles Liebe

Michelle



Faber Bild von S. geklaut, weil ihr Handy bessere Fotos macht als meins <3
Faber Bild von S. geklaut, weil ihr Handy bessere Fotos macht als meins <3

 
 
 

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