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Liebe Michelle

  • vor 11 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

11/03


Den Brief hätte ich schon heute morgen schreiben sollen, nun ist aber schon wieder halb 11 und ich will endlich mal rechtzeitig ins Bett, nicht immer erst um halb 1, was mir tatsächlich oft passiert. Gibt meine Uhr zu. Aber ich schlafe sonst eigentlich besser als auch schon, meistens zumindest.


Ich hatte Ferien und habe die im wunderschönen Basel verbracht. Ich muss wunderschön sagen, denn in der Schweiz war es wirklich schön, während es hier im Süden einfach die ganze Woche geregnet hatte. Vor dem Regen in den Norden fliehen, Jackpot also. Die Ferien haben sich tatsächlich sehr wie Ferien angefühlt, weil ich oft ausgeschlafen, bis spät nachts Serien geguckt und jeden Tag jemanden getroffen habe. Wieder hier in den Unialltag reinzukommen war deswegen gestern etwas brutal. Die Woche war nicht nur gemütlich, sondern besonders auch am Anfang sehr emotional, doch ich konnte bei L. in der Wohnung dann meinen kleinen Safespace aufbauen. Meine kurzen Ferien Zuhause hätten eigentlich andere Gründe gehabt, aber schliesslich bin ich wegen eines weniger schönen Ereignisses länger geblieben. Mein Grossvater ist im Alter von 90 Jahren verstorben. Ich hatte es vor zwei Wochen auf dem Flugzeug-Klo in meinem Studio durch ein SMS meiner Mutter während eines Anrufs mit E. erfahren. Danach bin ich trotzdem noch mit J. ins Yoga gegangen und fing mir schräge Blicke der Yogalehrerin ein, da ich heulend auf meiner Matte sass.  Es ist alles gut, ich denke, dass er in Frieden gehen konnte.


Es ist seltsam, da ich zum ersten Mal richtig an einer Beerdigung mitsamt der Bestattung war und das erste Mal eine nahestehende Person verloren habe. Gleichzeitig wusste ich schon länger, dass dieser Tag kommen würde und habe deswegen schon früher unbewusst Abschied genommen. Ein paar Tage zuvor war ich mit meiner Mutter ausserdem noch bei der Aufbahrung und konnte mich so auf meine Weise verabschieden. Es hat mich gegruselt, wie unmenschlich so ein aufgebahrter aussieht, fast schon puppenmässig kam es mir vor. Es fiel mir schwer, was ich sah, mit meinem Grossvater in Verbindung zu bringen. Ein paar Worte zum Abschied.


Mein Grossvater war die neugierigste und wahrscheinlich begeisterungsfreudigste Person, die ich in meinem Leben je gekannt habe. Sein Forschergeist liess ihn alles Mögliche sammeln und erkunden, weswegen er in seiner dritten Lebenshälfte noch ein Museum einrichtete mit Schätzen (und jeglichem Krimskrams) von seinen Reisen über den Globus. Für ihn war ein Eisbärschädel (ja, etwas problematisch, aber dieses Fass mach ich jetzt nicht auf, darüber hätte ich viel zu sagen) und ein unscharfes Foto einer Amsel von gleichem Wert. Wir Grosskinder bekamen private Führungen (denen wir teils mit mehr und teils mit weniger Enthusiasmus lauschten), es gab auch eine Vitrine mit unseren Dingen, die wir dort ausstellen durften. Er interessierte sich auch für die kleinen Dinge und besonders für Menschen, wollte von jeder Kellnerin im Restaurant wissen, woher sie kommt, egal ob diese aus Bretzwil oder Kroatien stammte. Er hatte wirklich ein ehrliches Interesse für die Lebensumstände der Menschen. Dann versuchte er gemeinsame Bekannte zu finden. Wie wir dies an Partys machen.  Neben dem Sammeln, Reden (viel), Fotografieren und Vögel beobachten schrieb er vor allem sehr gerne und viele Mails. Alle meine ältesten Mails in meiner Mailbox sind von ihm. Den Rest habe ich gelöscht, da ich immer wieder mal keinen Speicherplatz habe, aber die Mails von ihm versuchte ich stets zu behalten, da oft noch Fotos angehängt waren. Viele Videos auch von mir, wo ich singe, da meine Grosseltern meine grössten Fans waren. Beim Durchschauen merke ich gerade, dass ich wohl doch einige gelöscht habe. Hier aber eine typische Mail von meinem Grossvater vom 15. August 2016 mit einem der Bilder des Anhangs.


«Unsere Lieben, ¨

Es freute mich natürlich heute Morgen, dass die BZ wieder mal ein Bild von mir aufgenommen hat. Wir waren letzten Mittwoch mit Lukas, Kaspar und Valentin  am Stausee Augst-Wyhlen. Für die Fotos musste ich vor den Gänsenauf die Wiese liegen - erstmals in meinem Leben...

Herzlichen Gruss und euch allen und den Kindern einen guten Schulanfang.

Rosemarie und Hans Peter (pensioniert vom Schuldienst seit 1.8.95!)

NB Nilgänse sind in Europa aus der Gefangenschaft geflüchtet und haben sich ausgebreitet «    



    

In einem anderen Mail vom 31. August 2016 habe ich folgendes Foto gefunden mit der Anschrift:


«Herzlichen Gruss et beau voyage

Grosspapi

NB Landkarte folgt noch - im Vergess wieder mitgenommen»


Zum Teil waren da aber auch sehr detaillierte Reiseberichte und oftmals alte Fotos von (nicht) vergessenen Zeiten. Vielleicht habe ich den Drang, mein Leben hier festzuhalten auch teils meinem Grossvater zu verdanken. (so wie das ADHS, sein Spitzname war Haschpli) An der Beerdigung wurde teils aus seinem Tagebuch zitiert, welches er minutiös geführt hatte, als Protokoll, weniger persönlich, und doch charismatisch. Dadurch konnte festgehalten werden, an welchem Tag er meine Grossmutter das erste Mal gesehen hatte. Er hatte mir schon vor seinem Tod darin Einblick erlaubt, aber ich habe diesen nie in Anspruch genommen. Es hat mich zum Denken angeregt, was ich in meinem Tagebuch festhalte. (Tatsächlich habe ich erste letztens gerade mein aller erstes Tagebuch, dass ich seit 11 habe, fertiggeschrieben. Dazwischen hatte ich oft ähnlich Notizbücher, aber irgendwie ist es trotzdem crazy).  Werden an meiner Beerdigung dann Dinge gesagt werden wie:


Omg, de xy het hüt eifach de ganz Tag niz zruggschriibe, ich stirb, aber denne zobe her er mis Bild uf Insta gliket oder


17/02 Morge Uni, Zmittag im Reschti, denne Nomi so müed gsi, omg, nomi no welle ins Gym abr ich cha nur bis am 16.00, drumm workout gmacht.


Ich sollte wirklich etwas mehr an meine Nachwelt denken. 


Der Tag der Beerdigung war sehr schön. Ich habe im Gottesdienst gesungen und dabei gemerkt, dass ich das singen doch noch nicht ganz hinter mir lassen kann. Die Zwillingsschwester meines Grossvaters hat mir heute noch eine Mail geschrieben, wie gut ihr die Musik getan hätte und wie sehr sie sich gefreut hatte. Es war schön, diese Aufgabe zu haben, er hatte sich eine genaue Arie gewünscht, die ich mit Mami an der Geige und Papi am Klavier vortrug. Wir haben uns nach dem Gottesdienst zum Apéro im Mooi getroffen. Du meintest davor, dass es wohl keine ausgelassenere oder gelöstere Stimmung gäbe, das die nach einer Beerdigung und du scheinst recht gehabt zu haben. Es wurde noch ein Film gezeigt über meinen Grossvater, der alle sehr berührt hatte. Ich konnte ausserdem einiges an Missgunst, welche ich oft meiner Familie gegenüber verspüre, für einen Moment hinter mir lassen. Mein Bruder, meine Cousine und ich sind eifrig zu meinem Onkel gerannt und haben uns über die ganzen Sachen informiert, welche nun vergeben werden müssen. Es mag seltsam klingen, aber ich freue mich darauf, die Sachen durchzuschauen und dabei seiner zu gedenken.


Noch eine kleine Anekdote zum Schluss. Mein Grossvater war natürlich auch ein Kind seiner Zeit, ein Vorzeige-Patriarch. Ich. kann mich genau daran erinnern, wie er mir vor gut 10 Jahren sehr stolz eines Nachmittags verkündete, dass er gerade zum ersten Mal sich selbst z’Mittag gekocht hätte. Wenn das nicht Altersfeminismus ist.


Noch ein Eintrag von heute morgen:

Ich habe einige Briefe geschrieben in letzter Zeit, Abschiedsbriefe, Erklärungsbriefe, Story-time Briefe. Du wirst auch noch einen analogen Brief von mir erhalten. Die Briefe waren selten lang (ausser einer, der war 12-Seiten lang). Deren Erstellung brauchte aber lang. Französische Briefe zu schreiben ist wohl das romantischste und altertümlichste was es gibt, diese dann zu fotografieren und per DM auf Insta zu verschicken, gleicht das Ganze wieder aus. Maximale Gen-Z-Energy, meinte A. dazu. Jetzt gerade sollte ich eine Arbeit über Freud schreiben, aber dazu habe ich wenig Lust. Eigentlich hätte ich schon Lust, aber ich verzettle mich zu sehr in der Sekundäliteratur.


Jetzt ist es doch schon wieder spät, obwohl ich früh ins Bett wollte. (und noch Gilmore Girls schauen) Ich habe noch die Kategorien aber.


Etwas zum Glotzen: Konnte dem Trend nicht widerstehen. "Heated Rivalry". Es ist zwar ein bisschen wie gay-soft-porn, aber für die Chemie der beiden lohnt es sich eben doch. Would recommend. Die erste Folge habe ich auf dem Beamer geschaut mit L.’s Mitbewohner, das war etwas much.


Etwas zum Lesen: Habe mir letztens extra ein Zeit-Magazin Probeabo gelöst, um einen Artikel über Südkorea zu lesen, den ich dann doch nicht gelesen habe, bzw. nur begonnen, der Anfang war gut, hier der Artikel, falls sich jemand auch ein Zeit-Probe-Abo für 1 Euro gönnen möchte: https://www.zeit.de/zeit-magazin/2026/11/suedkorea-popkultur-seoul-leistungsdruck-suizidrate


Etwas zum Essen: Ich habe tatsächlich letzte Woche einfach von Chlöpfer GETRÄUMT! Und mir dann am Bummelsunntig einen Chlöpfer mit Senf und Ketchup geholt. 10/10 (ausser für meine Haut). Du hast im letzten Brief Klopfer genannte und ich habe immer Klöpfer gelesen.


Etwas zum Spielen: Ping Pong, mit dir! Das war unglaublich schön und wir sind uns nun einig, das Ping Pong spielen das beste (Freundes)date ist. Leute, glaubt uns, packt die Schlägel ein, schnappt euch einen Tisch und los gehst (und geht danach gleich noch Marty Supreme schauen, so wie ich, Banger-Kitsch-Film, auch wenn Timothee cancelled)


Etwas zum Hören: Drei sehr verschiedene Dinge: - die Marseillaise, "+971" von Ninho und "I know that my redeemer liveth" von Händel. Widerspiegelt gut meine verschiedenen Emotionen.  


Wort der Woche: Wiederstart.



Alles Liebe und bis bald



Vera


PS: Da ich einen persönlichen Teil zur Nicht-Veröffentlichung angehängt hatte und du dann aber meintest, dass du den am liebsten liest, hier ein Teil daraus.





Veras persönliche, nit öffentliche (jetzt doch) Blog:


Ich habe Lust, alles rauszukotzen, jegliche Filter wegzureissen, wie den Staubfilter im Tumbler, den ich vergessen habe, zu wechseln, den ich noch nie abgestaubt habe und erst beim letzten Waschgang in der staubigen laverie merkte, dass ich das sollte, da die Frau nach mir das gemacht hat und dann fühlte ich mich etwas schlecht, muss ich zugeben. Hoffentlich habe ich keinen Tumbler kaputtgemacht. Ich mach hier jetzt keinen Goethevergleichn wie du, aber so zu schreiben wie Bell Hooks, Annie Ernaux oder Daktota Warren. Ich glaube, dass mich besonders Dakota Warren inspiriert.


Denn wenn ich in mich gehe, schreibe, was wirklich mit mir passiert, dann kommen da Dinge raus, die ich selbst als hilarious beschreiben würde, Sätze wie:


«xxxx.»


Das ist mein Leben gerade und darin steckt doch sehr viel Unterhaltungspotenzial und dieses Potenzial soll doch irgendwie ausgeschöpft werden. Wär doch schade sonst. Dann muss ich in 20 Jahren unsere Blogposts lesen und mir dabei stets denken: was habe ich wohl wirklich gemacht, gedacht, empfunden.


Ich weiss nicht, ob ich meine Existenz als Frau beschreiben kann, wenn da ein Filter ist und eigentlich ist es doch genau die Literatur, das geschriebene Wort, welche uns die Möglichkeit gibt, die Dinge festzuhalten, die wir nicht sagen können. Die sich in keiner Anekdote gut festhalten lassen. So war das für mich oft und ich hatte Mühe, diese Gedanken auf Figuren zu übertragen, wie du es so wunderbar kannst. Weswegen es dann doch immer um mich ging, aber es war ein «ich», welches eine Distanz zu mir trug, ein «ich», dass ich dadurch vielleicht etwas mehr mochte, als mich selbst, ein «ich», das mutig ist, weil es Dinge sagt, die teils unerhört sind. Welches die Grenzen auslotet.

 
 
 

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