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Liebe Michelle

23. Mai
8 Min. Lesezeit

Ich bin gerade aufgewacht aus meinem Mittagsschlaf, oder soll ich Siesta sagen? Nun ja, sehr südländisch und auch sehr passend, denn DIE HITZE IST DA! Nächste Woche gibt es erstmals Temperaturen über 30 Grad und das dann gleich die ganze Woche lang. Auch am Morgen riecht es nun definitiv nach Ferien, es gibt keinen Ausweg mehr, diesem Gefühl zu entfliehen. Ich hatte diese Woche aber alles andere als Ferien. Deswegen kommt dieser Brief auch so spät, nicht dass du denkst, dass ich einfach auf der faulen Haut herumliege! (Nun ja, bin ich schon auch, einfach davor.)


Am Montag hatte ich morgens das erste Treffen mit meiner Masterarbeitsbetreuerin und mich danach in so eine wirtschaftswissenschaflich-soziologische Theorie/Strömung verloren. Verloren ist wirklich das richtige Wort, es wurde zu schnell zu deep und irgendwie kennt dieses Modell auch niemand und es wurde erst 14 Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Schriften (90er Jahre) auf Französisch ins Deutsche übersetzt, deswegen sind die deutschen Sozialwissenschaften zu dem Thema sehr übersichtlich, aber es gibt halt sehr viel französische Abzweigungen dazu. Item, ich habe gemerkt, dass es sich vielleicht nicht lohnt, nur für den Flex Originalliteratur zu lesen. Aber: das Thema meiner Masterarbeit ist gar nicht kompliziert und sehr einfach greifbar in einem Wort, für Kinder und Erwachsene: die Mittagspause. (Cool, oder, wer mag schon nicht Pausen, gibt ein bisschen den Vibe Lieblingsfach? Pause). Nachmittags musste ich noch lernen.


Am Dienstag haben wir dann mit J. A. und M. einen Ausflug nach Saint-Guilhem-le-désert gemacht, das war schon etwas Ferienvibe. Mittwoch wurde gelernt und dann gestern hatte ich einen Prüfungsmarathon. Von 12-14 eine Prüfung der Uni (ich hatte sogar schon 30 min früher abgegeben, sehr untypisch für mich.) und dann 14-18 meine schriftliche Dalf C2 Prüfung. Ich musste mich sehr über die Themenwahl für den Essai aufregen, da man sich entweder für soziale oder für ökologische Fragen stark machen musste und gleichzeitig sagen, warum das eine wichtiger ist als das andere, was einfach überhaupt keinen Sinn ergibt und deswegen habe ich das dann auch nicht gemacht. Es zeigt, das schon alleine eine Themenwahl politisch ist, zu Politik nachher mehr. Aber eine passende französische Redewendung (die ich leider vergessen hatte) dazu lautet:


L’écologie sans la lutte des classes, c’est du jardinage!


Die Prüfung verlief im typischen Vera-Prüfungsvibe (trotz gespicktem Riti), ich hatte zu viele Ideen, brauchte dann lange, um sie zu ordnen, meine Entwurfblätter komplett Chaos mit sehr vielen Bangersätzen, dann lange alles ordnen, so dass es Sinn ergibt und als ich dann zu schreiben begann, hatte ich am Anfang voll den gehobenen Stil, bis ich in Zeitstress kam und dann einfach alles niederschrieb, was ging. Wurde bei weitem nicht fertig, aber die 4 zur Verfügung gestellten Seiten waren trotzdem voll. Zeit, um durchzulesen hatte ich aber keine mehr.


Danach war mein Kopf lehr, aber die liebe M. aus Leipzig hat mir ein feines Znacht gekocht und wir sind in der Stadt Glace essen gegangen und hatten schöne und bereichernde Gespräche, begleitet von einem Geigen-Klarinette-Akkordeon-Trio. Heute morgen war dann um 8:30 bis ungefähr 11:00 noch die mündlich Prüfung. Nach etwa 5 Stunden Schlaf, da ich dummerweise spät schlafen ging und mein Körper gerne früh aufwacht, der HuSo. Da habe ich, denke ich, geslayt, aber ich habe halt Charme und die zwei  Prüferinnen ähnliche Ansichten wie ich, was mich Sympathien gewinnen lies. Deswegen drum jetzt Siesta sehr nötig gewesen.



Nun ja, let’s talkt about politics, es scheint mir irgendwie nötig und ich habe in letzter Zeit viel konsumiert, darüber nachgedacht und mich ausgetauscht!


Der erste Grund ist die Bekanntgabe der Präsidentschaftskandidatur von Jean-Luc Mélenchon, der Partei la France Inousmise. Ich habe sehr viel Mélenchon konsumiert, sein langes Interview zum Kampagnenstart aber auch viele andere Interviews, bei denen er eingeladen war. (Strongly influenced durch J., ich stehe hundert Prozent dazu.) Kleiner Diskurs dazu: LFI ist eine Partei von links aussen, l’êxtreme-gauche, es ist dabei wichtig anzumerken, dass das êxtrem nicht die gleiche Bedeutung hat, wie auf Deutsch, es bedeutet einfach, am äusseren Rand: Marine Le Pen zum Beispiel, die man leider besser kennt, ist auch selbsternannt de l’êxtreme-droite (sie ist natürlich auch rechtsextrem, aber das ist ein anderes Thema.). LFI ist eine Partei, die es in dieser Weise in der Schweiz gar nicht gibt und mir ist wiederum aufgefallen, dass die ganze Schweizer Politik grundsätzlich viel bürgerlicher ist. (Okay, das ist keine surprise.) Aber LFI stellt sich konsequent gegen Israel, ohne Kompromisse, sie fordern gleichzeitig einen Preisdeckel bei den Benzinpreisen, weil diese in Frankreich momentan wegen des Krieges geradezu explodieren. In seiner Verkündigung der Kandidatur hat Mélenchon zum Beispiel über aktuelle Themen gesprochen und dabei auch Endometriose erwähnt, i mean, king? Ich könnte lange darüber schreiben, da ich gerade sehr informiert bin, aber ich glaube, dass das niemanden interessiert.


Einen Aspekt möchte ich noch herausheben, denn, was tatstächlich überrascht: trotz der linken Position, hat die Partei auch sehr patriotische Rhetoriken, Frankreich wird hochgehalten, ihr Programm heisst: la Nouvelle France. Aber Frankreich, das sind für LFI alle Leute, die in Frankreich leben und wohnen, teils wird sogar die Francophoniemitgedacht. Von rechts wird dann gesagt, LFI möchte Frankreich islamisieren und das ganze Land durch Araber ersetzen. (Ich liebe es, das sich rechte Argumente nur schon durch ihre Benennung entkräftigen und als lächerlich herausstellen.) Aber es ist dieser Spirit von Wir alle gemeinsam können und müssen etwas verändern, der auch Lust macht und den es in der Schweiz in der linken Politik sehr selten gibt. Da es selten linke Initiativen gibt, bei denen eine grosse Veränderung zu erwarten wären. Doch dieses Gefühl hat eine subversive Kraft und ich habe ein bisschen Lust Wahlkampf für LFI zu machen, es ist nämlich schwierig, aber nicht unmöglich, dass Mélenchon gewinnt. Denn seien wir ehrlich: die grösste politische linke Mobilisierung in der Schweiz gibt es durch das Verhindern irgendwelchen rassistischen und menschenfeindlichen Initiativen der SVP. Das ist doch auch traurig, dann fragt man sich, warum die Stimmbeteiligung grundsätzlich so tief ist (ausser wegen Wohlstand). Wir verteidigen ständig unser eh schon rassistisches System, um nicht vom Regen in die Traufe zu kommen.


Kommen wir als zum weniger hoffnungsvollen Teil dieses Textes. Die Kotz-Initiative. Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich froh bin, momentan nicht in der Schweiz zu sein. Gestern habe ich in einem Reel einer deutschen die Abstimmungsplakate gesehen und mich in Grund und Boden geschämt, es war mir wirklich unangenehm und ich denke, dass es grundsätzlich einfach eine unangenehme Stimmung auslöst. Ich habe mich viel informiert und viel zum Thema konsumiert, auch wenn es grundsätzlich einfach und simpel ist. Aber, was ich schon noch krass finde: zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass ich nicht nur Rechte anderer verteidigen und Rassismus und Menschenfeinlichkeit bekämpfen muss, sondern auch um meine eigenen Rechte kämpfen.


Natürlich wäre das nicht mega schlimm, im Vergleich zu Leuten die Asyl suchen, weil sie in anderen Ländern verfolgt werden und schreckliche Lebensrealitäten haben (das finde ich übrigens etwas vom Schlimmsten im aktuellen Diskurs, dass auch die Linke nun immer betont, das ja NUR 4 % der Einwanderer Asylbewerber:innen sind, so als wären diese wirklich nur Ungeziefer), aber ich habe keine Lust, jedes Mal meinen Pass zeigen zu müssen, wenn ich im Deutschen einkaufen gehe, oder Maniküre mache, oder was auch immer. Ich weiss nicht, ob ich mein Leben lang in der Schweiz arbeiten und wohnen will, in gewisser Weise sehe ich diese Freiheit auch als bedroht an. (Wobei schlussendlich ja dann doch immer wieder Geld regelt.)


Ein Gefühl, welches ich von der Befürworterinnenseite sogar nachvollziehen kann, ist folgendes: die Schweiz ist eng. Es stimmt. Da wir ein kleines Land sind. Ich kann dieses Gefühl der Enge nachvollziehen, ich kann das Bedürfnis nach Weite nachvollziehen. Am Dienstag auf unserer Wanderung sahen wir auf dem höchsten Punkt des Berges auf die grosse Landschaft, wo einfach nichts war. Dieses Nichts gibt es bei uns nicht, gab es aber auch nie und wir es nie geben. Für mich ist es besonders auch eine emotionale Weite, es tut mir hier gut, zu spüren, dass nicht alle Leute, die in meinem Leben jemals eine Bedeutung gehabt haben, innerhalb von maximal 2h Autofahrt wohnen. Aber dann so einen dummen Schluss daraus zu ziehen, ist einfach insane.

Eine andere Sorge, die ich sogar verstehe, ist der Fakt, das überall die ganze Zeit gebaut wird. Du weisst, dass ich die grösste Haterin von Baustellen bin und immer sage, dass ich am Ausland am liebsten mag, dass es weniger Baustellen hat. Aber omg. Die Baustellen sind da, weil da massenhaft GELD ist, nicht weil da massenhaft LEUTE sind. Schweizer:innen sind wirklich money blind. Und weil wir abnormale Standards und Erwartungen in Sachen Infrastruktur haben. Und dann wird so getan, als wären es die bösen Ausländer, die, die auch die Frauen vergewaltigen und unsere Sozialhilfe ausnützen, welche die Villen in Engelberg bauen, die, die die schöne Landschaft verhunzen.


Wir müssen wirklich anfangen zu verstehen, dass es IMMER ein vertikaler Kampf sein muss, unten gegen oben (und ja, im Vergleich zu Superreichen, Unternehmen etc. sind wir immer unten) und nicht ein horizontaler, gegen den Nachbarn. Weil die Superreichen sind in der ganzen Welt vernetzt, sie werden sich immer bewegen können. (Okay, das klingt jetzt fast schon nach Verschwörungstheorie und sehr populistisch, aber ich glaube, du weisst, was ich meine.) Dieses System greift im Kapitalismus eigentlich immer, aber das einfach Schema hat mir irgendwie geholfen, viele Dinge einzuordnen. Wir leben in einer extrem komplexen Welt mit komplexen Problemen, manchmal helfen  einfache Schemen.



Ein letzter Punkt möchte ich erwähnen. Die Schweizer privilege blindness. Denn ich begegne ihr täglich. Aber um es an einem konkreten Beispiel festzumachen: In einem Beitrag der Rundschau hat ein Mann aus Engelberg gesagt, dass er sicherlich für die Chaos-Initiative stimmen wird, da es hier zu eng ist, dass er es nicht mehr aushält und dass er deswegen auch in ein paar Tagen wieder fliegt, nach Thailand, wo er zum Teil auch wohnt. WHAT THE ACTUAL FUCK? Er hat dies so gesagt, als wäre das ganz logisch, als hätte er einfach das Recht, überall zu sein, aber die schöne Schweiz gehört nur ihm. Er war sich seinen Privilegien null bewusst. Aber ich finde, diese privilege blindness gibt es auch in anderen Bereiche und sie beginnt schon in der Art und Weise, wie ich Schweizer:innen im Ausland bewegen. Es ist eine gewisse Arroganz und Grundhaltung, zu zeigen und anzumerken, dass in der Schweiz halt alles besser funktioniert, dass das Ausland etwas mühsam, dreckig und langsam ist. Eine Anspruchshaltung, jederzeit perfekt bedient zu werden. Ich muss mich dabei selbst an der Nase nehmen. Aber da ich in diesem System eben gar nicht so gut funktioniere, ist es für mich manchmal erleichternd, wenn alles um mich herum auch nicht einfach perfekt nach makellosen Kapitalismuslogiken: mehr&genauer&effizienter = besser funktioniert. Und man darf einfach niemals vergessen:


We live of off the money oft he richest people in the world! Und die sind alle Arschlöcher.


Okay, that was a lot. Ich könnte noch mehr, aber ich muss hier aufhören. Viel in meinem Kopf, ich hatte auch viele Gespräche. Aber ein paar schöne Dinge noch, als Liste:


In 3 Tagen habe ich Geburtstag, hype, und den verbringe ich am Strand!

  • Ich habe mich für ein Schreibmentorat beworben, mal schauen!

  • Heute Abend gehe ich an einen Twerk-Workshop!

  • Ich darf A.’s Velo haben, da meines gestohlen wurde.

  • Ich habe eine WG gefunden! Bei dir in der Nähe! Hype!

  • L. kommt nächste Woche.

  • J. und gemeinsame to-do-Listen (plan de bataille)


Kategorien:


Etwas zum Hören: Der Soundtrack von Vaiana/Moana, muss ich gerade für den Chor etwas üben. Könnte dir gefallen.


Etwas zum Sehen: MUST SEE: Un petit truc un plus. Der beste Film, den ich dieses Jahr bisher geschaut habe, über und mit Menschen mit Beeinträchtigung in einem Ferienlager. Und dann auch noch Banditen. PTA-Vibes. So lustig, so schön!


Etwas zum Essen: Sorry, aber Dreigang-Menü in der Mensa für 1€, ich bin normalerweise nicht im Camp alles-was-günstig-ist-schmeckt-besser, aber in dem Fall schon. Ein Vorteil der France à Macron. Ansonsten Maroilles (ein Käse) und Erdbeeren, wuhuu (die kosten auch 4€, das sind 4 ganze Menus, omg).


Wort der Woche: Assimilation.



Ganz viel Liebe, avec beacoup d’amour für nicht immer einfach Zeiten, für mental-support, für alles!



Vera


Die Weite
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