Liebe Michelle
Endlich, endlich, endlich, ich weiß nicht, wie oft ich dir geschrieben habe, dass ich HEUTE den Brief schreibe. Aber nun ist er da. Ich liege gerade im Bett und J. gamet neben mir an meinem iPad, meine Hintergrundmusik ist also so eine Mischung aus Schussounds und Mittelaltermusik. Goals. Der Grund, dass ich an einem Freitagnachmittag im Bett liege, ist folgender: Ich bin krank. Erst starke Halsschmerzen und jetzt einfach Erkältung und mit etwas Kopfweh noch. Ja, ich glaube, du hast mich angesteckt, aber das sagt doch etwas Schönes über unsere Freundschaft aus, und zwar, dass wir uns ständig sehen und das schätze ich sehr, sehr fest. Ich glaube, ich werde versuchen, den heutigen Brief in Themen aufzuteilen und das erste Thema ist genau dieses:
Kranksein: Früher war ich mega stolz darauf, dass ich die bin, die nie krank ist (da ich selten Fieber habe). Ich habe sogar dann manchmal extra blau gemacht, weil ich wusste, dass ich «eh nie krank bin». Wenn ich so zurückschaue, war ich aber auch oft den ganzen Winter über stark erkältet. Vielleicht gar nicht so ein Vorteil, nie Fieber zu haben, mein Körper kann sich einfach nicht selbst heilen. Wenn ich stark erkältet war, bin ich dann immer trotzdem zur Schule oder Arbeit gegangen und habe alle angesteckt, Bravo Vera. Gestern habe ich das J. erzählt und er meinte so, ja flex nul (also dummer Flex). Und ich glaube, das stimmt. Deswegen bin ich jetzt mit gutem Gewissen zwei Tage zu Hause und versuche auszukurieren. Ich bin nicht grippeimmun und das ist okay. Gestern musste ich sogar meinen ersten bezahlten Comedy-GIG absagen und das ist okay, Pech gehabt. Dazu kommen wir jetzt gleich:
Comedy: Ich glaube, mein letzter Brief war von den Poetry Slam Meister:innenschaften in Hannover, das ist wirklich fast ein Monat her, Asche über mein Haupt. Ich habe in letzter Zeit die Lust an Poetry Slams etwas verloren, gleichzeitig bin ich vor gut einem Monat das erste Mal an einem Comedy-Mic gewesen und ich liebe es! Es ist ganz anders, nach jedem Auftritt versuche ich, die Witze etwas umzuschreiben, das Set neu zusammenzusetzen, zu verbinden. Es fühlt sich etwas mehr wie Puzzle an. Und manchmal bombt man so richtig, so wie ich letzte Woche vor 6 Leuten, aber wenn dann 1 Witz trotzdem funktioniert, weiß man, dass der wirklich gut ist. Natürlich ist es viel cooler, wenn man es schafft, die ganze Crowd auf seine Seite zu ziehen und dann etwas zu flowen, aber dann weiß man nicht, was man verbessern kann. Die Szene ist natürlich ganz anders, ja – männlicher – wer hätte das gedacht, das ist echt schade. Ich glaube deswegen auch, dass die Durchschnittsfrau, die Comedy macht, viel lustiger ist als der 08/15 Dude. Es braucht einfach mehr Mut, in einem 11er Line-Up die einzige Frau zu sein. Wie das Prinzip, dass Frauen an der ETH wahrscheinlich durchschnittlich besser sind als die Männer. Gleichzeitig ist aber die Szene auch mehr down-to-earth. Bei meinem ersten Auftritt war Joel von Mutzenbecher da, welcher eine Woche davor beim Swiss Comedy Award gewonnen hatte. Seine Witze an dem Abend waren aber nicht alle top. Ich glaube, das finde ich so schön an Stand-Up: Bei jedem Bit fangen alle irgendwie ein bisschen wieder von 0 an. Bei meinem zweiten Auftritt war lustigerweise Bänz Friedli im Publikum. Danach haben wir noch etwas Szene-Talk gehabt, das war cool und ich ein bisschen stolz. Allgemein mag ich Comedy, die politisch ist und sehr präzise, aber auch, also etwas arrogant gesagt, für ein gut informiertes Publikum. Das Blöde ist, dass in der Schweiz niemand wirklich gut informiert ist, was im Parlament passiert und dass es an Selbstironie fehlt. Das führt mich zu meinem letzten Punkt:
Ich bin in French Comedy TikTok. Und es ist so geil, mein Algorithmus war noch nie so gut, gerade jetzt, wo so viele wichtige Dinge passieren und die Regierung täglich mehr dreinscheißt, ist die Comedy einfach krass gut. Es passiert wirklich etwas und am nächsten Tag hast du 500 verschiedene Reels, die sich alle auf andere Art und Weise darüber lustig machen. Aber das funktioniert halt auch nur, weil es genug Leute gibt, die über diese Dinge Bescheid wissen. Vielleicht ist es halt eben auch trotzdem ein bisschen wahr: für richtig gute Comedy muss es den Leuten etwas schlecht gehen und Frankreich geht es gerade richtig scheiße. Okay, nächster Punkt, wie soll ich ihn nennen.
Revolution? Gerade habe ich manchmal das Gefühl, mich etwas zwischen zwei Welten zu bewegen. Der heilen Schweiz und einem Land, welchem bald ein Bürgerkrieg droht, die Regierung schickt das Militär an Demonstrationen, Gymnasiast:innen verlieren Hände. Diese Spannung auszuhalten, ist manchmal nicht ganz einfach. Ich wusste schon sehr lange vor diesem Wochenende von den Blocus des Lycéens, also bevor es etwas gewalttätiger wurde und deswegen auch spannend für Schweizer Medien, weil damit Angstmache betrieben werden kann. Eine Anekdote finde ich sehr vielsagend. Vor einer Woche, als die Schule nach den Herbstferien wieder begann, habe ich das Ganze mit den SuS durchgenommen und dabei herausgefunden, dass einige in Saint-Louis oder Mulhouse auch vor Ort waren. Als ich das im Spaß der Klassenlehrerin erzählte, wusste sie nicht, wovon ich sprach, was gerade passiert. Meine SuS sind zum Teil über TikTok besser informiert, was auf der Welt abgeht, als ihre LP. Deswegen finde ich es auch so schlimm, dass als einzige Maßnahme für Probleme (Gewalt oder schlechte Leistungen bei PISA-Studien oder whatever) immer gleich das Verbot von TikTok und anderen Social Media auf den Tisch kommt. Ist z.B. Snapchat Social Media? Die Jugendlichen kommunizieren nicht nur über diese Medien, sie informieren, gruppieren und organisieren sich auch darüber. Klar, es ist algorithmusgesteuert und das ist scheiße und gefährlich (wenn du einen schlechten Algo hast). Aber die großen Medien sind meist einfach milliardärsgesteuert, ist das besser? (Okay, Tech im Großen und Ganzen ja auch, aber anders halt…) Okay, bref.
Du wolltest noch, dass ich von der Demo erzähle, der Demo, die auf der ganzen Welt in den Medien war. Wir waren in Strasbourg. Es war eher träge, aber auch eindrücklich, weil ich noch nie auf einer so großen Demo war. Kurzzeitig fühlte ich mich etwas in der Menge gefangen, ich bin klein, am Anfang waren wir auf einem Platz, da wäre ich nicht einfach so rausgekommen. Die Polizei war sehr präsent und hat quasi mit Tränengas den Demozug gesteuert. Aber es blieb friedlich, wir sind vor dem Ende gegangen, da wurde die Stimmung aufgeheizter. Cool ist, dass die Franzosen nicht nur die Besten im Demonstrieren sind, sie schreiben auch die legendärsten Demoschilder, ich schwöre, man spürt das Erbe von Baudelaire und Balzac.
Mein Liebstes war: Gazez nous avec du Poppers pour mieux nous enculer. Übersetzt heißt das « Vergast uns (wegen dem Tränengas, es hat hier keine Anspielung auf die Judenvergasung, das wird anders gesagt) mit Poppers, um uns besser in den Arsch zu ficken» («je t’encule» ist einfach eine sehr krasse Beleidigung.) Ich weiß nicht, ob ich es gut übersetzt habe, haha, aber das Niveau finde ich hoch. Ich habe auch mit meinen SuS Schilder analysiert. Aber nicht dieses versprochen. Sie hatten etwas Mühe, manchmal den richtigen Sinn zu finden und ihre Antwort war dann: Das Schild sagt, man soll keine Mülleimer anzünden. Ja, fast, haha. Aber ist auch schwierig, grundsätzlich hatten sie es gut verstanden. Als ein Schüler als Antwort auf die Frage, weswegen die Schüler demonstrieren, sagte, weil die Schulen schlecht sind und ich nachhackte, ja, aber warum sind die Schulen schlecht? (Ich meinte es im Sinne von ‘Was ist schlecht?’) Da meinte er knallhart: Da müssen Sie Macron fragen. The kids are alright.
Somit hätte ich auch das Thema Schule gerade noch abgeschlossen. Noch etwas Letztes vor den Kategorien.
Dieses Wochenende wird wieder demonstriert. Und es wird wahrscheinlich hässlich werden. Niemand weiß, was die Regierung will. Vielleicht, dass es Tote gibt, um LFI (die außen-links Partei) dafür verantwortlich zu machen, die für alles verantwortlich gemacht wird. Oder dass noch mehr kaputt gemacht wird – für den gleichen Grund. Oder oder oder. Es ist ziemlich sicher, dass Le Pen und Mélenchon in den zweiten Wahlgang kommen bei den Wahlen nächsten Frühling. Dann wird sich sehen lassen, ob die Leute in der Mitte Rassisten oder Antifaschisten sind.
Also, zu den Kategorien.
Etwas zum Lesen: Ich habe es endlich fertig und muss dir gestehen, dass ich Yesteryear nur 3/5 Sterne geben würde. Ich fand es irgendwie nicht so spannend. In der Mitte hatte ich den Durchhänger. Jetzt habe ich den zweiten Band angefangen von Leila Slimanis Familienepos (mein Lieblingsgenre) Regardez nous danser. Gestern wollte ich um 22h noch etwas lesen, bin dann aber gerade eingeschlafen. Ich bin wirklich oft nach der Schule auch müde und mag nicht mehr lesen.
Etwas zum Schauen: OMG, die chronique «AstroloGAY» von Noam Sinseau. Es ist so lustig. Ich schicke es dir mal, er spricht aber etwas schnell und mit einem Akzent von Martinique.
Etwas zum Essen: Ich habe so viele Herbstgerichte schon gemacht, proud of myself, ich schlage dir Pilzragout auf Toast vor. Ganz einfach: Pilze (und gekochte Marroni) in der Bratpfanne mit etwas Bouillon und Tomatenpüree dünsten. Allenfalls Speck dazu. Etwas Rotwein zum Ablöschen. Voilà. Allenfalls noch Maizena dazu, die Pilze geben viel Wasser. En Guete. (Das Rezept habe ich von F.’s Vater, man soll die guten Dinge mitnehmen, oder)
Etwas zum Glotzen: Off Campus.
Wort der Woche: C’EST LA FAUTE DE LFI.
Alles Liebe
Vera




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