Liebe Vera
Heute verfolgt mich Olivia Rodrigo, und ich weiss nicht, wie es mir damit geht. Generell weiss ich gerade nicht genau, wie es mir geht. Also eigentlich geht es mir gut, da ist nur dieser nervige Stress und das Zyklustief halt. Heute ist einer dieser Selbstmitleidstage, die man manchmal aus dem Nichts heraus hat, obwohl es gar nicht so viele Gründe für Selbstmitleid gibt.
Ich gehe morgens aus dem Haus, und Olivia Rodrigo dröhnt aus meinen Kopfhörern. Stupid Song. Für einen Moment habe ich Angst, dass die Musik zu laut ist, dass das alte Paar im 4er hinter mir, es auch hören kann. Sie reagieren nicht. Ich bin safe. Ich schaue aus dem Fenster. Bin nervös für den Arztbesuch, obwohl es rational keinen Grund gibt. Seit diesem einen Arztbesuch bin ich etwas empfindlich geworden. Ich will nicht wieder beim Arzt weinen. Zu peinlich.
Ein Reminder ploppt auf meinem Handy auf. Linse hole. Ich hätte es vergessen. Habe es vergessen. Ich bin am Laden vorbeigegangen. Mein Optiker ist gleich neben dem Busbahnhof, trotzdem dachte ich nicht daran. Ich drehe noch einmal um, betrete das Brillengeschäft, sage: «Ich habe Linsen bestellt», nenne ihnen meinen Namen. Radio Swisspop spielt Olivia Rodrigo. Drivers License. Was für ein Zufall. Naja, es ist Olivia Rodrigo, so ein Zufall ist das nicht. Sie ist überall, ich weiss schon. Der Optiker, der mir meine Linsen verkauft, sieht mir judgy dabei zu, wie ich meinen Bankkartencode auf meinem Handy nachschauen muss. Notizenapp. Ja, sollte man nicht, ich weiss. Aber ich kann mir das nicht merken. Ich habe schon eine Weile nicht mehr über 80.- ausgegeben. Die Linsen kosten 98.- für ein halbes Jahr. Bei mir haben sie letztes Mal ein Jahr gehalten, dafür hatte ich diesen Infekt. Was es vermutlich teurer gemacht hat. Aber damals war ich auch noch angestellt bei der Augenklinik, da war der Besuch viel billiger. 50%, Bro. Naja, ich weiss nicht, ob es sich lohnt. Jedenfalls wechsle ich die Linsen nicht jeden Monat. Nicht nur wegen Geld, sondern auch einfach, weil ich nicht daran denke. Obwohl ich mir das Wechseldatum immer in meine Notizenapp schreibe. So wie ich alles in meine Notizenapp schreibe. Vielleicht ist genau das mein Problem. Zu viele Infos in der Notizenapp. Spiegelt meinen Chaoskopf.
Dann sitze ich im Wartezimmer der Hausarztpraxis, und auf Energy läuft Olivia Rodrigo. Drop Dead. Ich muss lachen, und die Frau neben mir wirft mir einen Blick zu, den ich nicht deuten kann. Als das Lied fertig ist, werde ich aufgerufen. Mein Hausarzt ist nett, er stellt mir das Rezept ohne Kommentar aus. Als ich nach Bluttest und EKG frage, die mir die Psychotherapeutin, mit der ich vor zwei Wochen einen Termin hatte, empfohlen hat, nickt er bloss. «Wollte ich auch gerade vorschlagen», sagt er. I doubt it. Er sieht mich dabei nicht an, sondern starrt weiter auf den Bildschirm und tippt Infos über mich in ein Formular ein. Er fragt mich nach Grösse, Gewicht und sportlicher Tätigkeit. Wie jedes Mal. Ich habe ihm schon drei Mal gesagt, dass ich Handball spiele, und jedes Mal freut er sich aufs Neue, weil er auch Handball gespielt hat. «Rechtshänderin, oder», keine Frage, sondern eine Feststellung. «Bei ihrer Grösse spielen sie sicher links aussen.» Hat er auch schon drei Mal zu mir gesagt.
Im EKG-Zimmer läuft SRF 3. Es läuft Olivia Rodrigo. Schon wieder, what the fuck? Good 4 u. Passt irgendwie, wenn man beim Arzt ist. Der Arzt ist gut für einen. Okay, eigentlich passt das überhaupt nicht. Das ist ein Break Up Song. Der ist auf meiner Crash Out Playlist. Der passt nicht zum Arzt. Ich stehe oben ohne aber mit Jeans da. Highwaist Jeans, weisse Sportsocken, pinke Adidas Spezial und sonst nichts. Vielleicht der schlimmste Look, den es gibt? Jedenfalls der unangenehmste. Mein BH, mein Shirt, mein Pulli, meine Uhr, Kette und mein Handy habe ich auf den Stuhl neben der Tür geschmissen. Hätte ich das sorgfältiger zusammenlegen sollen? Würde das erwachsener wirken? Ich stehe oben ohne neben der MPA, während sie etwas in einen Rechner eintippt. «Entschuldigen Sie, legen Sie sich hin», sagt sie überrascht, weil ich nicht von selbst darauf gekommen bin. Ich habe gewartet. Wie bei einem Vorstellungsgespräch. Erst hinsetzen, wenn einem der Stuhl angeboten wird. Als ich vor der MPA stehe, während sie das dünne Papier auszieht, fühle ich mich wie Hulk. Naja, weniger stark. Aber der trägt auch nur eine Hose und sonst nichts. Als ich auf der Liege liege, ist es okay. Die Saugnäpfe saugen sich an meinen Handgelenken, meinen Knöcheln, meiner Brust fest. Ich frage mich, ob das Knutschflecke gibt. Gibt es nicht.
Danach drittes Praxiszimmer zum Blut nehmen. Ich habe extra etwas gegessen vorher. «Geht das im Sitzen?» fragt die MPA mich, und ich nicke. Kein Problem. Ich darf einfach nicht hinsehen, wenn sie die Nadel in meinen Arm stechen. Sie braucht ein paar Minuten, um eine Vene zu finden. Ich habe so dünne Venen, sie brauchen immer ein paar Minuten. Lehrlinge hassen es, mir Blut zu nehmen. Sie finden keine Vene, und dann geht es auch immer so lange, weil das Blut nicht so schnell läuft. Beim Blutspenden mit der Pfadi (bevor ich wusste, dass ich Eisenmangel habe), dauerte es bei mir immer am längsten, weil das Blut einfach nicht fliessen wollte.
Sie findet die Vene, sieht dann den blauen Fleck vom Handball auf meinem anderen Oberarm. «Was haben Sie da gemacht?» fragt sie mich und deutet darauf. «Handballtraining», erkläre ich. «Unglücklich zusammengekracht. Voll mit der Schulter gegen die Schulter einer Mitspielerin.» Sie glaubt mir nicht. Fair. Es sieht aus, als hätte jemand aggressiv nach meinem Oberarm gegriffen. Seinen Daumen dort in die weiche Haut auf der Innenseite meines Armes gedrückt und zu lange nicht mehr losgelassen. Der Fleck ist gross, so gross wie ein wütender Männerdaumen. Natürlich fragt sie. Zum Glück fragt sie. Doch sie fragt noch zwei weitere Mal nach, bis es mir richtig unangenehm wird, obwohl es nur ein Handballfleck ist.
Heute vertrage ich die Blutabnahme weniger gut als sonst. Ich glaube, ich werde etwas bleich, denn die MPA fährt mir über den Arm und meint mit sanfter Stimme: «Ich weiss, das sieht nach viel Blut aus. Ist es aber nicht.» Es fühlt sich aber so an. Drei Ampullen füllt sie. Zwar kleine, aber trotzdem. Drei Ampullen. Danach warte ich zehn Minuten, damit mein Arzt mir sagen kann, dass Blutbild und EKG gut aussehen. Beim Rausgehen drückt er mir das neue Rezept in die Hand. ADHS-Medis für die Masterarbeit. Wir passen die Dosis an. Im Wochentakt um 5 mg steigern und schauen, was sich richtig anfühlt. Dann muss ich wieder anrufen.
Draussen fühle ich mich zittrig, ohne dass ich genau weiss, warum. Selbstmitleidstag vielleicht. Ich greife nach dem Schlüsselbund in meiner Hosentasche, fahre den Kanten der vier Schlüssel entlang. Das mache ich oft, wenn ich nervös bin. In der Jackentasche geht das besser als in der Hosentasche. Hände in der Hosentasche sieht etwas doof aus. Ich fahre meinem Veloschlüssel entlang. Den mag ich am liebsten. Er ist dünner als die anderen und ganz lang. Er ist mein Liebling, auch wenn das Schloss immer klemmt, weil es rostig ist. Ich ziehe den Schlüsselbund hervor, besehe mir die farbigen Anhänger daran. You’re already there. Das steht auf einem meiner Schlüsselanhänger. Den hab ich an einem anderen Selbstmitleidstag gekauft, weil er mir ins Auge sprang, und der Satz sich damals irgendwie richtig und hilfreich anfühlte. You’re already there. Beruhig dich, Schatz. You’re already there. Ich halte mich kurz daran fest. Im Kopf und in echt. Meine Hand bildet eine Faust um den pinken Anhänger, ich wiederhole den Satz leise für mich. You’re already there. Ich halte mich daran fest.
Manchmal bin ich nicht sicher, ob das stimmt. Ich würde gerne immer daran glauben, dass ich schon angekommen bin. Dass ich in jedem Moment genau dort bin, wo ich sein muss. Darauf vertrauen, dass schon alles so läuft, wie es laufen sollte. Doch meistens lebe ich zu einem grossen Teil in meinem Kopf. Meine Gedanken vereinnahmen mich, und ich komme nicht immer gleich gut aus ihnen heraus. Wenn ich allein bin, jedenfalls. Um Leute herum werden sie leiser, werden sie lieber, lassen sie sich besser managen. Dann sind sie überhaupt nicht furchteinflössend. Das sind sie meistens nur abends und an Sonntagen.
Weisst du, wann ich zum ersten Mal in Therapie geweint habe? Vielleicht hab ich das schon einmal erzählt. Denn ich denke oft daran. Wie ich an alles oft denke. Meine Therapeutin sagte zu mir: «Unser Ziel ist es, dass Sie ihre Gedanken steuern und nicht umgekehrt.» Ich begann sofort zu weinen. Mir erschien das so utopisch, so unmöglich. Tut es manchmal immer noch. An Tagen wie heute vor allem. Aber ich bin besser geworden. Leider hilft meditieren ein bisschen. Gebe ich ungern zu, denn ich hasse meditieren. Aber es hilft ein bisschen. Manchmal. Manchmal meditiere ich morgens auch 15 Minuten und weine abends trotzdem. Es löst nicht den ganzen Druck in meiner Brust aber einen Teil davon.
You’re already there. Letzte Woche habe ich mein Kinderzimmer ausgemistet. Endgültig. Naja, nicht endgültig. Mama wohnt immer noch da. Aber sie will umziehen. Sie will das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, verkaufen. Ich hatte einiges in den Händen, das ich vergessen hatte. Ich habe eine Bucket List gefunden, die ich mit 14 geschrieben habe. «100 Dinge, die ich machen will in meinem Leben.» Wenn ich nach der gehe, bin ich noch nicht there. Dann bin ich noch nirgends. Darauf stehen unglaublich utopische und peinliche Dinge wie «bei einem Film Regie führen», «ans Coachella gehen» und «in der Ellen Show zu Gast sein». Ich war so ein Opfer omg. Das sind Dinge, die mir jetzt so fern scheinen, aber die 14-jährige Misch sich für ihr zukünftiges Ich (für mich?) gewünscht hat. All das war definitiv sehr stark von Tumblr beeinflusst. Ich kann mich auch an die Pinterest Suche «bucket list ideas» erinnern.
Aber da stehen auch andere Dinge drauf, die immer noch wahr sind. Über die ich meistens ungern rede oder schreibe, weil es sich meistens zu verletzlich anfühlt über unrealistische Träume zu reden. Die Diskussion hatten wir schon zu Genüge. Ich weiss, du siehst das anders. Du bist besser darin, gross zu träumen. Jedenfalls hat die 14-jährige Misch mit einem pinken Stabilo auch aufgeschrieben: «ein Buch veröffentlichen», «länger als einen Monat in New York wohnen», «nah bei meinen Freundinnen sein». Ich verstehe schon.
Mit 14 war ich noch besser darin, gross zu träumen. Denn damals fühlten sich diese Dinge näher an als jetzt. Macht das Sinn? Ich bin immer noch delusional (ich nenne es lieber optimistisch), und werde auch oft damit aufgezogen. Aber die Teenie-Misch war krass delusional. Ich übte Interviews zu meinem Debutroman (ja, der Fantasyroman, der immer noch nicht fertig ist) im Spiegel oder unter der Dusche. Ich überlegte, wie ich meine Haare auf dem roten Teppich stylen würde. Wofür auch immer ich auf einem roten Teppich stehen würde. Ich war mir sicher, dass ich mal dort stehe. Warum auch immer, ich kann es mir wirklich nicht ganz erklären. Ich glaube, ich war einfach so verliebt in die Celebrity und die Popkultur, dass ich ein Teil davon sein wollte. Mir ein bisschen sicher war, dass ich ein Teil davon sein würde. Der American Dream oder so. Jedenfalls eine verzerrte Wahrnehmung, gefüttert von all den Filmen, die ich schaute, von all den Büchern, die ich las. Ich hatte krasse Aspirationen und traute sie mir zu.
Mein Motto für den Herbst ist es, wieder ein bisschen näher an dieses Gefühl zu kommen. Nicht an den Glauben, berühmt zu werden lol, das war crazy. Aber mir mehr zu vertrauen. Meinem Weg ein bisschen mehr zu vertrauen. Gerade habe ich nämlich nicht einmal das Gefühl, dass ich eine Masterarbeit schreiben kann, und das ist ein grosses Problem. Ich versuche, etwas mehr wie die 14-jährige Misch zu sein. Denn eigentlich ich glaube sehr fest, dass there der Weg ist. Und auf dem Weg bin ich ganz bestimmt, da bin ich mir sicher. You’re already there.
Wieder einmal etwas überdramatisch und kitschig, verzeih mir. Semesterstarts- und Herbstblues einfach. Eine gefährliche Kombo. Musste raus. Hier noch meine Kategorien.
Etwas zum Essen: Pasta mit Tomatensosse und selbstgemachten Fleischbällchen. Scheppert und wärmt in der Mittagspause im Kühllager sehr gut auf.
Etwas zum Hören: Ich habe Sabrina Carpenter für mich entdeckt. Mit sehr viel Verspätung, ich weiss. Die Hits höre ich schon lange, aber letzte Woche habe ich zum ersten Mal das neuste Album ganz durchgehört. Ich war amüsiert von mir selbst, weil ich zum Teil etwas schockiert war bei gewissen Songzeilen. Sie exposed, wie prüde ich manchmal bin. Das Lied Tears mag ich sehr gerne.
Etwas zum Lesen: Ich bin noch nicht ganz fertig, aber 1999 Meter über dem Meer von Caroline Wahl. Kontrovers, ich weiss. Aber ich finde ihren Schreibstil so unglaublich lustig, und er trifft einen ganz bestimmten Nerv in mir. Und du weisst, ich liebe Wiederholungen. Caroline Wahl auch. Es ist ein Match made in Heaven.
Etwas zum Glotzen: Auch hier mit viel Verspätung. Ich habe in den letzten Tagen die ersten drei Staffeln von The Bear geschaut. Ich war bei der ersten und zweiten Staffel ursprünglich mal live dabei, habe bei Nummer drei dann den Anschluss irgendwie verpasst und vergessen, wie gut mir die Show gefällt. Sie ist so gut, imfall. Auch wenn sie irgendwann etwas repetitiv wird, finde ich sie wirklich so unglaublich krass. Was mich vor allem inspiriert, sind die Dialoge und die vielen Nuancen, was die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. So gut geschrieben! Ausserdem bin ich verliebt in das Pacing. Es wechselt sehr elegant zwischen schnellen Cuts und ganz langsamen Szenen hin und her. Die Figuren bekommen Zeit zum Atmen, schweigen sich an, die Kamera läuft weiter. Ich liebe lange Szenen. Es gibt 10-minütige Szenen, in denen zwei Figuren einfach im Restaurant miteinander reden, und ich will dabei kein einziges Mal ans Handy gehen. Wirklich sehr beeindruckend und sehr empfehlenswert.
Wenn du nichts davon schaust, dann schau wenigstens die Folge Fishes (Staffel 2, Folge 6). Ich glaube, die funktioniert auch ohne Kontext und ist etwas vom Besten, was ich je in einer Serie gesehen habe. Plus Gastauftritt von John Mulaney.
Ausdruck der Woche: Herbstblues.
Lueg zu dir, meine Liebe, und weich dem Herbstblues so lange es geht aus. Sei ganz doll gedrückt.
Alles Liebe
Michelle




Kommentare