Liebe Michelle
Ich sitze gerade im Mezzo, einem grossräumigen Kaffee in Hannover, es ist Samstag, Leute sind hier zum Brunchen, wir aber zum «arbeiten» bzw. um diesen Brief zu verfassen, denn ich habe schon im Hotel gebruncht. Ein bisschen zu viel, der oberste Knopf meiner Hose ist offen, aber das liegt eigentlich nicht mainly am fact, dass ich viel gefrühstückt habe, sondern, dass ich seit letztem Herbst fast 10 Kilo zugenommen habe. Okay, das ist ein bisschen ein deeper Einstieg, aber ich würde schon gerne wieder etwas abnehmen, bzw. wieder mehr Zeit haben, um Sport zu machen, denn ich nehme einfach nur am Bauch zu und das ist dann unchillig, um zu sitzen und ausserdem meinte meine Frauenärztin, dass ich wegen meines PCOS auf keinen Fall zunehmen darf. Das Gefühl, im Hebst nicht mehr in die Jeans zu passen, ist einfach not so mega funny. Ich weiss, dass das ein mega sensibles und heikles Thema, da ich auch immer noch als durchschnittlich gelte, aber es macht trotzdem was mit einem. Eigentlich stresst mich am meisten, dass ich wegen der Arbeit einfach keine Energie mehr habe für Sport. Ich habe nicht das Gefühl, ich würde besonders ungesund essen oder so. (Okay, vielleicht sind Fertigprodukte von Aldi schon nicht so mega gesund.)
Zurück nach Hannover. Ich war am Mittwoch in der Vorrunde der deutschsprachigen Meister:innenschaften angetreten und das war okay, also mein Text kam nicht so gut an und es gab wenig Publikum, aber sonst war es fine. Ich bin ein bisschen die Outsiderin zwischen den Slam cool kids, welche diese Szene seit Jahren beherrschen und den neuen queeren cool kids, manchmal fehlen mir die Codes, aber ich will mich nicht beschweren, ich mag ja das beobachten und meine Bettnachbarin ist sehr cool. In der deutschen Slamszene wird viel mehr gereimt und ich habe gemerkt, dass ich Reime hasse AUSSER sie sind so richtig krass schön, also so krasse Poesie, gestern hat eine Poetin eine Nacherzählung von Andersens «Die kleine Meerjungfrau» vorgetragen und ich hatte einen sprachlichen Orgasmus, es war so gut! Sie kam leider nicht weiter, wegen zu wenig message glaube ich (auch wenn es am Ende darum ging, dass Andersen schwul war.) Ansonsten sind alle Texte ein bisschen gleich und wenig neues Gedankengut und auch die Punchlines sind so mittelmässig, aber du kannst es dir ja vorstellen. Heute Abend sind aber zwei Schweizer:innen im Finale! Die sind beide mega gut und ich würde ihnen beiden den Sieg gönnen: Go Jeremy Chavez und Iannique Sägesser. Auch im Teamfinale ist die Schweiz vertreten mit dem Gewinner:innenteam der Schweizer Meister:innenschaft und mit Jeremias Gotthelf, Jeremy Chavez und Mia Ackermann. Auch ihnen würde ich den Sieg von Herzen gönnen, denn sie machen auch Orgasmuspoesie und dazu noch gute Punchlines.
Ich merke, dass ich mich in der Szene schon schnell verstelle, viel tue um gemocht zu werden, versuche nicht, meine Meinung zu äussern, denn es ist so eine Szene in der immer zu allem Konsens herrschen muss und du weisst, dass ich das hasse, da ich glaube, dass das wichtigste in einer demokratischen Gesellschaft der respektvolle Streit ist.
Ich habe aber auch sonst zu Inklusion, Queerness etc. sehr viele kritische Gedanken, Gedanken, die ich gerade durch sehr klein geschriebene soziologische Literatur versuche zu begründen, die aber vielleicht noch zu wenig ausgereift sind, um diese hier darzulegen (gestern nach der Veranstaltung habe ich aber basically einen Slam dazu geschrieben in meinem Kopf). Grundsätzlich bin ich einfach hässig über diesen oberflächlichen Fake-Aktivismus, vorgetragen in einem Saal vor 400 weissem, deutschen, gutbürgerlichen Publikum. Und auf der Bühne stehen die Kinder. Und dann auf dem nach Hause weg wird mir dafür gedankt, dass ich mit dem Uber Fahrer gesprochen habe? Itchy. Wir dürfen einfach niemals aufhören uns zu hinterfragen: Wer profiert von wem? Wessen Arbeit zahlt wessen Kultur? Diese Fragen sind wichtig und werden zu wenig gestellt, aber nächstes Mal mehr dazu, wenn ich mein 300-seitiges Buch mit 100 Seiten Literaturverweisen fertig gelesen habe. (Das klingt alles extrem snobby, aber es geht um Prozesse, die Menschen, welche wirklich unterdrückt sind, schon lange verstanden habe, ich sehe das manchmal bei meinen SuS, wenn ich Ihnen sage, dass sie nicht im tiefsten Niveau sind, weil sie dumm wären, sondern wegen einem fucked up System und tausend versteckten Prozessen, dann streckt der Junge mit den schlechtesten Noten der Klasse auf und sagt «aber wenn es nicht wegen unserer Intelligenz ist, dann ist es ja Rassismus». They got it.)
Eigentlich hätte ich natürlich auch noch viel Gedanken zu meinem Spätsommer, aber dazu will ich schon so lange einen Instapost machen, deswegen nehme ich mir vielleicht auch dazu einfach noch die Zeit. Da jetzt aber in allen Zeitrechnungen offiziell Herbst ist, hier noch eine Liste mit Dingen, die ich diesen Herbst machen möchte (not work):
mit dem Rennvelo durch bunte Weinreben düsen
ein günstiges Auto kaufen (du hattest aber Recht, ich habe kein Geld, ich habe mein Sparkonto in einen Fond gesteckt, damit ich es nicht mehr berühre, weil ich mich sonst kenne, ich lebe über meinen Standart und gestern hatte ich vor meiner Lohnauszahlung noh 11 Franken auf dem Konto und meine Segelferien waren immer noch nicht bezahlt, also vielleicht muss das Auto auf nächstes warten )
Grenzgängerin sein und den 06:16 Zug nehmen von Mulhouse nach Basel.
Kürbissuppe kochen.
Pilze sammeln (schiins, nehme ich jedes Jahr drauf, mache ich eh nicht.
Die Tagebücher meiner Grossvaters anfangen zu lesen.
In diesem Coworking schreiben:
Adults schauen.
An unserer Sitcom schreiben.
Nochmals Stand Up machen.
an einem Kammermusikwettbewerb in Lugano teilnehme. (Ja, es gibt ein Mendelstöchter come back!)
Daneben natürlich Work, Praktikumsscheisse, Masterarbeit, Interviews führen, etc. etc., aber es ist cool, die Kids mögen mich glaub und sie machen auch mehr oder weniger, was ich sage, hören zu etc. Am meisten Stress habe ich gerade mit anderen LP oder der SL wegen zu viel Admin und Geld grrrrr.
Jetzt noch die Kategorien: (von I. und M.)
Etwas zum Lesen: Arne Semsortt: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück (von M.)
Etwas zum Hören: Das neue Album von LEILA, einer Berner Sängerin (auch von M.) ETO.
Etwas zum Glotzen: Ich habe nur noch eine Staffel Gilmore Girls und das tut meinem Herzchen weh.
Etwas zum Essen: Pitaya, französische Thai-Food Kette.
Wort der Woche: IsraelkritikIstNichtAntisemitismusAlterHaltDieFresse (Liebe für Berlin)
Alles Liebe
Vera
PS: Afterparty mit DJ Chavez war wild & Jeremia Gotthelf hat gegoated das Team-Finale gewonnen.




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