Liebe Vera
Es ist Sonntag, zehn Uhr, und eigentlich sollte ich schon im Bett sein, weil ich morgen um 5.45 aufstehe, im Kühllager arbeiten gehe, dann abends unseren ersten Handballmatch der Saison habe. Was ein anstrengender Montag. Aber ich bin gerade noch aufgedreht, denke an unsere Schreibsession heute Nachmittag, muss noch mein Geschirr vom Vorkochen vorher abwaschen, und kann sowieso noch nicht schlafen. Ich schreibe diesen Brief, während ich meine hoffentlich letzte Zigarette auf unserem Balkon rauche. Bekanntlich habe ich das letzte Mal nur zweieinhalb Monate durchgehalten. Danach kamen wieder ein paar Ausgangszigaretten und eine Vape dazu, bevor ich wieder richtig angefangen habe. Aber meiner Lunge und zugegebenermassen auch meinem Portmonee zuliebe, habe ich mit meinem Bruder seit über einem Monat den Deal, dass wir bei Semesterstart gemeinsam aufhören. Ich befürchte, es wird wieder schwierig, aber vielleicht hilft es, dass es schon kälter wird, die Pullis so viel schlimmer nach Rauch schmecken als ein T-Shirt, wenn man wieder vom Balkon reinkommt, und dass ich meinen Bruder an der Seite habe. Es ist peinlich und auch ernüchternd, zuzugeben, wie süchtig ich bin gerade. Denn fast den ganzen Sommer über fühlten sich die Zigaretten gar nicht einmal so cool an. Eher wie ein Zeichen fürs Aufgeben, und jede einzelne bereute ich im Nachhinein fast sofort. Die Kaugummis stehen jetzt auf meinem Nachttisch bereit. Drück mir die Daumen.
Der Brief ist wieder einmal zu spät, auch wenn ich ehrlich nicht das Gefühl habe, dass irgendwer noch damit rechnet, wöchentlich einen Brief von uns zu lesen. Ein Grund für meine Verspätung ist meine Schwierigkeit, mich an neue Routinen zu gewöhnen. Was natürlich als ewige Studentin ein Problem ist – Frühlingssemester, Semesterferien im Sommer, Herbstsemester, Semesterferien im Winter. Das heisst, es werden drei- bis viermal im Jahr Wochentage beim Arbeiten geschoben, neue Jobs gesucht, es werden neue Stundenpläne und Vorkoch-Tage definiert. Beschweren auf hohem Niveau, ich weiss. Aber darauf freue ich mich vielleicht am meisten, wenn ich irgendwann richtig im Arbeitsleben ankomme. Routinen! Wie spiessig ist das bitte?
Der andere Grund für meine Verspätung ist zugegebenermassen aber auch einfach eine neue Obsession meinerseits. Die 16-jährige Misch, die Dinge so sehr liebt, dass sie über nichts anderes reden kann, steckt immer noch sehr fest in mir. Es war wieder einmal Zeit. Die englischen YouTuber, die mich das letzte halbe Jahr innerlich vereinnahmt haben (die ich hier nicht beim Namen nenne, weil es zu peinlich ist), wurden abgelöst von Jack Innanen. Du weisst, mein Typ sind die normalsten (grossen) White Boys mit gutem Bizeps. Reproduziert meine Bizeps-Obsession toxische Stereotypen für Männer? Oder ist sie einfach ein Produkt toxischer Stereotype? Vermutlich beides. Ein ewig toxischer Kreislauf, I guess. Aber er ist halt hot, was kann ich sagen? Sue me.
Grund dafür ist die Sitcom Adults. Obwohl sie seit einer Ewigkeit auf meiner Liste steht, habe ich sie erst diese Woche geschaut, weil P. sie angefangen hat und sie mir ausdrücklich empfohlen hat. Danke an dieser Stelle! <3 Die Show ist wirklich so gut. Eine Gen Z WG in Queens, alle haben ihre Probleme, die Dialoge sind so gut, und die Witze so, so, so super geschrieben und auch rübergebracht von den Schauspieler*innen. Gute Chemie im Cast, geile Outfits und Sets, sau witzige Storylines. Wirklich, so grosse Empfehlung, wie schon lange nicht mehr, Vera. Schau dir das an. Unbedingt.
Sitcoms sind mein Lieblings TV-Genre, das weisst du. Sind sogar über Romcoms, und das will was heissen. Die wurden bei uns in der Familie jeden Abend geschaut. Wir waren sowieso eine ziemliche Fernseh-Familie. Und auch wenn das einen schlechten Ruf hat, finde ich das überhaupt nicht verwerflich. Bei uns lief der Fernseher oft. Meine Mutter arbeitete im ExLibris (rip), hatte eine grosse Schwäche für Filme und Serien, und irgendwie war das auch eine Bonding-Erfahrung. Wir schauten uns gemeinsam Storylines an, weinten alle drei, wenn etwas Trauriges passierte, lachten zusammen, wiederholten Witze wochenlang, redeten über die Charaktere, als würden wir sie irgendwie kennen. Für mich ist das immer noch etwas Wertvolles. So kommunizierten wir miteinander über wichtige Themen, hatten Diskussionen, teilten irgendwie auch Erfahrungen. Es gab uns einen Rahmen, der Gespräche auch einfacher machen konnte. Mein Plädoyer gegen den Fernseher als Kommunikationshindernis. Und auch wenn wir sehr viele Shows schauten, blieben Sitcoms immer unser meistgeschautes Genre.
Mama, mein Bruder und ich hatten früher eine grosse Big Bang Theory Phase. Ja, ich weiss, die Serie ist irgendwie ehrlich nicht mal so lustig, aber mit 12 fand ich die ultrawitzig. Was will man machen? Wir haben keinen Fernseher mehr, und manchmal trauere ich dem Sitcom-Montag auf Pro7 etwas hinterher. Am Montag wurde sich im Wohnzimmer versammelt und die neusten Folgen geschaut. Wir waren immer up to date. Dann liehen wir natürlich auch immer die DVDs der Serien in der Bibliothek aus, um die anderen Abende zu füllen. Wir schauten uns durch Friends, How I Met Your Mother, Roseanne, Full House, New Girl, King of Queens, Hör mal, wer da hämmert, Fresh Prince of Bel-Air. In der Streaming Ära wurde das dann einfacher, man musste nicht mehrere Wochen auf die nächste Staffel warten, weil sie noch wer anders ausgeliehen hatte. Da schauten wir Brooklyn Nine Nine, Superstore (so underrated, wirklich!), Modern Family, The Good Place, Unbreakable Kimmy Schmidt aber auch ältere Shows wie Scrubs, Malcom in the Middle, Community, Arrested Development, The Office und Seinfeld. Dann irgendwann auch die Comedy Shows, die meine Mutter nicht mehr mochte: Rick and Morty, Archer, Big Mouth, Bojack Horseman. Sie mag einfach keine animierten Shows. Die gehören irgendwie meinem Bruder und mir. Die Liebe zum Genre kommt aber wirklich sehr krass von meiner Mutter.
Sitcoms zu schreiben, finde ich eine der krassesten Kunstformen, die es gibt. Die Witz-Dichte ist so hoch, das ist so schwierig zu schreiben. Das habe ich unter anderem gemerkt, als ich mich an einem Cold Open für unser Spassprojekt versucht habe. Denn deswegen haben wir uns ja schliesslich heute Nachmittag getroffen. Wir haben die Sitcom, von der wir zu zweit schon seit Jahren (ungelogen) sprechen, endlich geplottet. Haben Charaktere ausgearbeitet, Sets designt und Storylines überlegt. Und natürlich unsere Listen mit Bits aus Notizapps und aus dem Kopf besprochen. Das hat sehr gutgetan. Das schätze ich übrigens unglaublich an unserer Beziehung. Mit dir kann ich solche Dinge besprechen, ohne dass es mir peinlich ist. Du kannst diesen Projekten jeweils eine Ernsthaftigkeit und einen Wert abgewinnen, den ich nicht immer selbst sehen kann. Das respektiere ich wirklich enorm.
Was ich auch sehr ernst genommen habe in diesen Semesterferien ist meine Sommer To-Do Liste, die ich für mich auf den Semesterstart begrenzt habe. Und obwohl ich nicht alle Punkte abhaken konnte, habe ich einen der wichtigsten gestern noch durchstreichen können. Ich habe meine Wand gestrichen. Ich habe nun eine pink karierte Wand im Zimmer, die extrem professionell aussieht. L. und ich brauchten sechs Stunden dafür mit Abkleben und allem, aber es hat sich gelohnt. Als L. nach all der Arbeit gegangen ist, sass ich bestimmt zehn Minuten da und habe einfach nur die Wand angestarrt. Ich hätte weinen können, so sehr freute ich mich. Es ist sooooo gut geworden, wirklich. Und auch wenn ich es sonst nicht ausstehen kann, wenn Leute in unserem Alter sagen etwas «fühlt sich erwachsen an», hat sich das doch irgendwie erwachsen angefühlt. Ich wollte eine pink karierte Wand, also habe ich meine Wand pink kariert gestrichen. Wie cool ist das, bitte? Vielleicht hilft sie mir in diesem kommenden Masterarbeits und Seminararbeits lastigen Semester, vor dem ich mich vielleicht mehr fürchte als vor allen anderen Semester, die bisher gekommen sind. Ich hoffe es schwer.
Nun noch zu den Kategorien.
Zum Essen/Trinken: Den unalkoholischen Drink, den L. bei unserem Filmabend am Samstag zusammengemixt hat. Irgendwas mit Ingwer, Basilikum, Limette und Tonic. Hab ich was vergessen? War jedenfalls ein Banger.
Zum Hören: 3 von Britney Spears. Vielleicht der beste Popsong über einen Dreier? Ich habe keine anderen Beispiele, wenn ich ehrlich bin, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es einen besseren gibt.
Zum Lesen: Schleifen von Elias Hirschl. Ich bin noch nicht fertig, aber omg! Vielleicht das beste Buch, das ich dieses Jahr lesen werde? So unglaublich intelligent und gut recherchiert und sooooo lustig. Ich habe im Bus laut gelacht, weil ich es so witzig fand. Das ist mir wirklich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr passiert. Ich halte dich auf dem Laufenden, ob es so gut bleibt, wie die erste Hälfte verspricht.
Zum Glotzen: Oben schon erwähnt, aber noch einmal hervorgehoben: Adults. Einzige Kritik meinerseits: es gibt zu wenig Episoden. 8 Folgen pro Staffel bei einer Sitcom? Come on, gönnt uns mehr. Bring back Prime TV um 20.15 und gebt uns 24 Folgen pro Staffel, bitte!
Ausdruck der Woche: White Boy of the Month. 🤷♀️
Ich schaue mir jetzt weiter TikToks an. Meine Bildschirmzeit hielt sich diese Woche im Rahmen, weil ich zum Semesterstart wieder versuche, unter zwei Stunden zu bleiben. Aber Wochenende zählt nicht, habe ich entschieden. Ich entscheide mich dezidiert gegen Screenfree Sundays.
Alles Liebe
Michelle




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