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Liebe Michelle

14. Aug.
4 Min. Lesezeit

Ich sitze gerade mit J. im Stücki, weil es hier eine Klimaanlage hat. Gestern hatte ich meinen ersten Arbeitstag an der Schule nach mehr als einem halben Jahr, es hat mir viel Spaß gemacht! Letzte Woche waren wir zusammen an der Surprise-Night, dort hattet ihr und E. angemerkt, dass ich momentan alles hasse, da ich mich über einen Werbeclip der Migros genervt hatte. Irgendwie hat mich das mitgenommen, da ich eigentlich denke, dass ich zurzeit vielen Dingen gegenüber sehr positiv eingestellt bin. Es hat mich zum Nachdenken gebracht, aber auch inspiriert für einen Text darüber, was ich alles gerade hasse, da es stimmt, dass ich vielleicht etwas kritischer unterwegs bin als auch schon. Deswegen habe ich diesen Brief auch so hart herausprokrastiniert, da so viele schöne und auch leicht provokative Worte in meinem Kopf sind, aber noch nicht auf Papier. Aber dann habe ich gemerkt, dass es eher etwas Slam-artiges wird und ich diesen Text dafür aufspare, bzw. hier dann vielleicht auch teile. Aber es sprengt gerade etwas den Rahmen und außerdem bin ich unter Zeitdruck.


Meine Agenda ist wieder voller und meine To-do-Listen länger. Da sind zwar auch viele schöne, vielleicht auch optionale To-dos drauf wie ein Instapost für unseren Buchklub oder ein Beitrag mit meinen Slam-Terminen. Und viele Dinge, die mit Engagement an der Schule zusammenhängen. Aber ich merke, dass ich mich schneller gestresst fühle und dass da eher wieder das Gefühl der Enge in meine Brust drängt. Und dass ich das nicht zulassen darf. Wenn ich etwas gelernt habe dieses Jahr, ist es, dass ich weder stressresistent noch besonders belastbar bin, wie ich immer geglaubt hatte. Aber auch, dass ich das nicht sein muss. Und ich meine das nicht in einem es-ist-okay-weniger-zu-tun-Sinn. Ich meine es in einem wir-retten-die-Welt-wenn-wir-weniger-tun-Sinn. Denn das ist meine eigentliche Erkenntnis von diesem Jahr: Nichtstun ist politisch. Und mein Leben so zu politisieren ist nicht etwas, das mich stresst, es nimmt mir extrem viel Last. Denn chillen (& ich meine wirklich chillen) bedeutet weniger Arbeit, aber meist auch weniger Konsum. Wenn wir unsere Freizeit mit tausend Dingen vollquälen, uns nur noch zum Kaffee treffen, dann dienen wir damit schlussendlich auch nur dem Kapitalismus. Natürlich ist z.B. kulturelles Engagement gut. Aber mehr ist echt nicht immer besser, auch wenn ich das lange dachte. Manchmal sollte man das Ganze und vor allem die eigene Motivation genau hinterfragen. Ich dachte das sehr lange. Mehr Slamtermine = mehr Möglichkeiten. Mehr Stunden an der Schule = mehr Geld. Mehr Kuchen backen = mehr produzieren. Wirklich chillen kann ich aber nur, wenn ich mir gar nichts vornehme. Und deswegen möchte ich jetzt auch nicht mehr ums Verreggen jeden Slamtermin machen, sondern versuche bewusst zu planen. Weil ich weiß, dass mit weniger Stress immer mehr Lebensqualität gibt, auch wenn überall geschrieben steht, dass dir mehr Konsum mehr Lebensqualität geben wird. Sich davon abzugrenzen, finde ich nicht ganz einfach. Long live Marketing.


Jetzt bin ich etwas ausgeufert. Nun zurück zum Schulstart. Meine SuS sind sehr süß, sie haben in der Zeit, wo ich nicht da war, Fortschritte im Französisch gemacht und vor allem sind sie gewachsen. Wir versuchen uns gerade in unserer Junglehrerinnengang gegen die alten Die-Kinder-werden-immer-dümmer-und-können-nichts-Urgsteine zu wehren. Natürlich können die Kinder nichts, wenn das deine Meinung ist. Zumindest freue ich mich, weil ich viele Projekte geplant habe, ich halte dich auch auf dem Laufenden.

Ansonsten hatten wir letztes Wochenende (also vorletztes, hoppla) mit unseren Freund:innen noch einen richtig coolen WG-Hopping-1.August verbracht. Ich freue mich wahnsinnig auf unsere gemeinsamen Ferien nächstes Jahr. Und hoffentlich übernächstes Jahr. Und alle Jahre danach. So, ich hänge mich dir an und mache noch kurz eine Liste für den August (& September, warum auch nicht, sagen wir Spätsommer) mit Dingen, die ich tun möchte.


  • Vorwärtskommen bei meiner Masterarbeit (eigentlich das größte To-do, bisher habe ich es geschafft, ein Treffen mit meiner Betreuerin abzumachen!)

  • Ein zweites Buchklubb-Treffen durchführen. (Omg, unser Insta, mit M., der Social-Media-Queen, ich bin richtig hype, hoffentlich werden wir an Literaturevents eingeladen (Spaß [ein bisschen]).

  • Viel im Rhein schwimmen.

  • Noch ein letztes Mal im Mittelmeer Rugbypässe üben.

  • Zügeln helfen.

  • Mein Zimmer fertig einrichten.

  • Mit meinen Freund:innen chillen.

  • Viele weitere Eiskaffees, Mates und Gummibärliglaces in meiner WG auf dem Balkon genießen.

  • Schwimmen gehen und Rennvelofahren gehen (zum Glück kann ich nicht rennen…)

  • Okay, nehmen wir’s doch: mich langsam steigern mit den Rennen.

  • CHILLEN

  • Bisous dangereux



Ich lasse die Kategorien heute weg, da ich gerade nicht mega Inspi habe und wirklich noch einiges zu tun. Da wir aber jetzt einen Buchklub haben, kann ich den Lesetipp ja sicher skippen und sage „Gunni“ von Lara Stoll. Ich habe das Buch gekauft, weil ich wusste, dass ich alles daran hassen würde und mich deswegen besser fühlen, und ich habe alles daran gehasst und mich besser gefühlt. Leider war mir die Story auch ein bisschen egal, weswegen ich es noch nicht fertig geschafft habe. So hätten wir den Bogen gespannt.

Als letztes möchte ich noch anmerken, dass ich im Gespräch mit meinen Mitbewohnis gemerkt habe, dass wir alles andere als Catch-Up-Culture Freundschaften pflegen. Anscheinend ist es nicht üblich, sich Mitte zwanzig so oft spontan zu treffen. Ich fühle und schätze das aber ungemein!

 

Mit ganz viel Liebe und ein klein bisschen Überheblichkeit


Vera


PS: Ich wollte meinen Migros-Hate-Clip anhängen, aber er ist auf meinem Arbeits-IPad, oupsala.


Herbstmesse im August bei 32 Grad in Mulhouse.
Herbstmesse im August bei 32 Grad in Mulhouse.




 

 
 
 

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