Liebe Michelle
- vor 11 Stunden
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Omg, Michelle, ich schreibe den Anfang dieses Briefes in der FUCKING BADEWANNE. Okay, das war’s auch schon, sicher nicht werde ich meine precious time hier mit Schreiben verschwenden, sondern tugendhafte Dinge tun, wie Gilmore Girls schauen, Yesteryear lesen oder vapen. Oder aber ich steige sowieso bald wieder raus, weil das Wasser echt zu heiß ist, ich komme schon ins Schnaufen. Bisous, bis gleich.
Oh, oh, dieses Dokument ist mit 20260825 beschriftet und jetzt ist schon der 2. September, Asche über mein Haupt. Das Problem ist, dass ich jedes Mal, wenn ich mich an meinen Laptop setze, erst noch 3 Mini-Todos mache, die aber doch irgendwie wichtig sind, mir dann auch schneller meine Dopamindosis geben, wenn sie gemacht sind. Der Schuladminhustle never stops. Und vielleicht, weil J. am Wochenende da war.
Doch ansonsten läuft es ziemlich gut in der Schule, in Musik klingt es schon ganz ordentlich und im Franz rede ich jetzt in der 2. Klasse, also 8. Klasse, nur noch ausschließlich Französisch, außer für Husi oder so. Das klappt ganz gut, letztens hat ein Schüler aufgestreckt und von sich auch den Satz «Est-ce que je peux écouter de la musique?» gesagt. Ich war ziemlich stolz. Die Fragen mit est-ce que haben wir noch nicht mal durchgenommen, mdr, oder.
Am meisten Freude macht es mir aber, dass ich Arbeitskolleginnen, oder sagen wir Freundinnen gefunden habe. Ich weiß noch, wie wir ganz am Anfang dieses Briefwechsels, als ich noch mein Horrorpraktikum am Theater Basel gemacht habe, über die Wichtigkeit von Gesellschaft bei der Arbeit und Lunchbuddies geschrieben haben. Du hast ja nun im Kühllager auch deine Gang gefunden. Ich gehe jetzt immer mit M&M (bester Name, sorry, aber ich muss hier auch noch anmerken, dass ich zu viele Freundinnen habe, die mit M. beginnen) am Donnerstag über Mittag in die Meditation von … M. (muhahahhaha). Aber auch sonst kreuzen wir uns. Jetzt ist gerade Projektwoche, sie sind beide im Lager und ich chille mein Leben. Heute Morgen habe ich während der Aufsicht einer Projektarbeit 3 Stunden lang an einer Dossiervorderseite fürs Passé composé auf Canva herumgebastelt. Das finde ich das Coole an meinem Job: Ich kann mir, wenn ich Zeit habe, für Dinge die Zeit auch nehmen, die dann aber gleichzeitig in stressigeren Zeiten 5x wiederverwendet werden können. Somit wirkt Vorbereitung irgendwie immer sehr wichtig und nicht verschwendend.
Zurück zu den Workbuddies. Vor 2 Wochen hatte ich bei mir zuhause einen kleinen Apéro organisiert mit ein paar Arbeitskolleginnen. Da saß also plötzlich ein 50-jähriger Mann wegen mir auf unserer Couch. Schon komisch, aber halt auch normal und gut, finde ich. Besonders der Austausch auch zwischen den Generationen. Es war hilarous, ich musste irgendwann gehen und die Girls blieben noch rauchend bei mir auf dem Balkon.
Von M. habe ich an diesem Abend den Satz «human beings are not made to be nonchalant» – welcher auch sie auf TikTok oder so gesehen hatte – gelernt. Aber dieser Satz hat viel mit mir gemacht und ich habe daraufhin gemerkt, dass ich in gewissen Freundschaften, besonders mit Männern, immer sehr stark versuchte, cool zu sein, keine Erwartungen zu haben, nie verletzt zu sein, classic pick me halt. Darauf habe ich jetzt keine Lust mehr. Vielleicht werde ich jetzt zur Dramaqueen. Aber Verletzung nicht zuzulassen, ist einfach so was von Teenager und Anfang 20. Idk. Und ich finde, auch in Freundschaften darf man gewisse Erwartungen haben. Also hatte ich ja schon immer, aber dies einfach nicht mir anmerken lassen. Aber ich will nicht mehr als Bestätigungstools für irgendwelche Performatifs dienen. In mir drin steckt immer noch sehr viel pick me und bis das alles draußen ist, wird es noch lange gehen. Von der kleinen Rackerin, die immer mit den Buben Fußball gespielt hat und den KV-Lehrlingstöchtern Schneebälle angeschossen und sie als Tussi beschimpft hat, bis zu der wirklichen Realisation Männer sind gar nicht so cool ist es noch ein langer Weg.
Nun noch einen kurzen Schlenker zu meinem Teas von letzter Woche, zu meinem Alles-Hass. Ich glaube grundsätzlich habe ich in diesem Jahr auch einfach gemerkt, wie viel von unserem vermeintlichen Links-sein performativ ist (auch meins, 100%). Dieses Gefühl war schon immer da, schon mit 18 an Faberkonzerten mit einer POC-Person. Aber ich hatte nie die Worte, die Konzepte oder das Verständnis dafür, dies wirklich zu kritisieren. Und nun glaube ich, dass, wenn wir wirklich links sein wollen, oder die Welt besser machen wollen, gewisse Konzepte grundsätzlich überdenken müssen. Und das wird sicherlich auch zu viel Unstimmigkeiten und Meinungsverschiedenheiten führen. Aber die müssen ausgehalten werden. Ich bin sehr anti einer Welt ohne andere Meinungen. Und ein solcher Grundsatz ist die Pathologisierung der Gesellschaft. Ich versuche kurz zu erklären, vielleicht ist nicht immer alles klar.
Das Prinzip, sei es Therapie, Wellness oder ADHS-Abklärung, ist eigentlich bei allem das Gleiche. Es geht darum, dass immer mehr Menschen – und vor allem FRAUEN - psychologische Hilfe brauchen, da sie nicht mehr klarkommen. Das ist ernst zu nehmen und eine Realität. Das Problem ist, dass oftmals die erste Reaktion ein Aufschrei nach mehr Therapieplätzen ist. Ich finde das ein großes Problem. Um nicht in eine rechte Rhetorik zu fallen: Psychotherapie ist wichtig und richtig und lebensrettend. Aber ich bin kein Fan des Arguments Jede*r sollte in Therapie. Das funktioniert in einer Gesellschaft gar nicht und dann gehen einfach die Reichen. Doch zurück zum Problem. Somit werden die Probleme individualisiert und nicht das System dafür verantwortlich gemacht. Stattdessen wären Arbeitszeitreduktion, bessere Entlöhnungen, Kitaplätze, Tagesschulen etc. etc. nötig. Jede versucht also in ihrem eigenen Kämmerchen, alleine, besser in dem System zu bestehen, statt dass wir alle zusammen auf die Straße gehen (wird ja auch gemacht, aber zu wenig.) Ritalin ist ein bisschen ähnlich. Klar, gibt es Kinder, die das unbedingt brauchen, da sie sonst in der Schule nur ungenügende schreiben. Wenn aber gut gebildete Frauen mit Masterabschluss dies nehmen, um noch weniger Fehler zu machen und noch leistungsfähiger zu werden, da dies vom HYPERKAPITALISMUS so erwartet wird, dann haben wir ein ernstes Problem. Ich bin nicht mehr bereit, mich zu 100% an ein System anzupassen, welches gegen mich arbeitet.
Ein weiteres Problem von Psychotherapie finde ich den Ansatz, dass es grundsätzlich ein apolitischer Rahmen ist (apolitisch gibt es nicht, also systemkonform, also neoliberal). Niemals wird eine Therapeutin (oder nicht oft) dir sagen: Sie sind am Anschlag, da eine 45-Stunden-Woche einfach unsäglich unmenschlich ist. Sie können nichts dafür. Stattdessen wird sie mit dir Meditation und Atemübungen und Nein-Sagen üben. Aber beim Job wirst du nicht Nein sagen. Geht ja nicht. Also sagst du bei Verpflichtungen mit Freund:innen Nein. Und das wird dann Self-Care genannt.
Ich glaube, das Prinzip ist klar, ich muss nicht noch mehr ausführen. Man kann es auf sehr vieles anwenden.
Okay, let’s fätz the Kategorien.
Etwas zum Lesen: Mein größter Literaturflex überhaupt ist es ja, dass ich letztes Jahr an einer Podiumsdiskussion mit Ruth-Maria Thomas sein durfte und wir danach mit ihr, ihrem Mann und dem Moderator in Solothurn essen gingen (das Essen ist eigentlich der größere Flex). Sie war so nett und sagte auch so nette Dinge über mein Schreiben. Nun ist ihr zweites Buch Die zweitgrößte Liebe draußen und ich mochte es so sehr. Es hat mich auch an deinen Schreibstil erinnert. Manchmal fast etwas zu flüchtig, aber immer sehr flüssig. Die Charaktere sind schön gezeichnet und außerdem auch das Marketing Caroline Wahl-mäßig gut, sodass das Buch gerade überall ist, scheint es mir, vielleicht aber auch nur, weil ich ihr auf Insta folge. Verdient aber!
Etwas zum Hören: Ich habe eine alte Italo-Playlist von meiner ehemaligen italienischen Mitbewohnerin in Zürich wiederentdeckt. Ach, aber gleichzeitig auch französischen Schnulz gehört, deswegen Je vais t’aimer von Michel Sardou.
Etwas zum Essen: NICHT IM RHIN BLEU IN BASEL; DAS ESSEN WAR SO VERSALZEN; ARSCHTEUER UND AUF DEM WC HATTE ES NICHT MAL LICHT; LOHNT SICH NICHT MAL FÜR DIE AUSSICHT; aber der Kellner war sehr nett und zuvorkommend und konnte gut Französisch. Er sollte in ein besseres Restaurant gehen, das Rhin Bleu hat ihn nicht verdient.
Wort der Woche: Tschüssi Tussi.
Freude der Woche: Mein neues Zimmer, ein schönes Zimmer ist mir so unglaublich wichtig, auch wenn ich das 20 Jahre meines Lebens nicht behauptet hätte. Und dass J. eine Wohnung hat. OMG.
Alles Liebe
Vera




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