Liebe Vera
- vor 2 Tagen
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Es ist Juli, fast August, und ich schreibe wieder einmal Bewerbungen. Sich bewerben ist immer noch the worst, falls du dich gefragt hast. Aber es wären keine Semesterferien, wenn ich keine Starbucks-Bewerbung verschicke, sind wir ehrlich. Ich habe einiges ausstehend, aber keine einzige Stelle darunter, die ich wirklich möchte. Drück mir trotzdem die Daumen, ich brauche was. Ich bin privilegiert, weil ich weiss, dass ich notfalls auch weiterhin im Kühllager arbeiten könnte, aber best case wäre schon, dass ich was finde, das mir besser entspricht, in Basel ist und besser zahlt. Wie gesagt, drück mir die Daumen.
Du bist wieder zurück in Basel, jetzt nach deinen Ferien wirklich, und ich bin sehr froh darüber. Ich weiss, dass die Stadt, all die Orte nicht nur Gutes in dir auslösen, aber ich bin froh, sehen wir uns wieder so regelmässig. Ich habe es vermisst, dich drei bis fünf Mal die Woche zu sehen, Vera. Darum auf viele weitere Balkonnachmittage von nun an. Bei dir oder bei mir. Obwohl (wie du glaubs weisst) meine Antwort auf «Bei dir oder bei mir?» immer «Bei mir» ist. Wir können uns abwechseln. Obwohl ich bezweifle, dass bei dir Haare gefärbt werden und aus dem Badezimmerfenster geschrien wird, und du sogar noch Augenbrauenfarbe geschenkt bekommst. Die typische M. und P. Experience oder so. Ich hab sie jedenfalls vermisst, diese Kaffeepausen vom Alltag mit dir.
Ich hatte letzte Woche praktisch kein Geld mehr auf dem Konto und bin daher früher wieder ins Kühllager zurückgekehrt als geplant. Eigentlich hätte ich erst im August wieder gearbeitet, aber ich konnte schon zwei Wochen früher wieder anfangen. Bei der Hitze ist es okay, auch wenn ich wieder volle Wochen habe, noch für die Uni arbeiten sollte und irgendwie ja auch noch den Basel-Sommer geniessen möchte. Ja ja, ich weiss, bu hu, arme Studi. Aber die Unisachen erledigen sich eben schon nicht von allein.
Letzten Freitag wurde ich aber in den engen Kreis des Feierabendbiers aufgenommen, was mich geehrt hat. Auf der Wiese neben dem Kühllager wurde Bier getrunken, und als ich eine Stunde später etwas betrunken in den Zug stieg, war mir ganz warm ums Herz. Was ich aber gelernt habe: wenn man den ganzen Tag bei 5 °C verbringt und dann in der Sonne ein Bier trinkt, geht das wirklich direkt in den Kopf. Schock. Ansonsten habe ich das Stricken wieder etwas für mich entdeckt. Abends im Bett oder im Zug. Ich habe drei bis vier Monate fast gar nicht gestrickt, und ich hatte unterschwellig ein wenig Angst, dass es sich doch verspätet noch als weitere Hobby-Phase entpuppt. Aber ich glaube, das war unbegründet. Ich muss nur etwas sommerliche Projekte machen anscheinend. Denn einen dicken Wollpullover im Schoss zu haben bei der Hitze, weil man die Ärmel immer noch nicht fertig hat, ist nicht wirklich spassig. Jetzt also Perlenmuster, Baumwolle und dünnere Nadeln.
Ansonsten war irgendwie viel los, irgendwie auch nicht. Ich war am Freitag auf dem Gurten, und leider stimme ich euch zu: die Crowd ist echt nicht so geil. Also irgendwie chillen alle zu sehr. Während den Konzerten wird die ganze Zeit geredet, was mich immer etwas aggro macht. Achtung toxisch von mir: mir gefällt diese absolut ausgelassene und betrunkene und siffige Stimmung um einiges besser. Das erwarte ich von einem Festival, wenn ich ehrlich bin. Aber sonst war es echt gut. Ich habe Kraftklub wieder gesehen, verzichte auf einen zweiten Deepdive in meine Beziehung zur Band, wie ich es letztes Jahr gemacht habe. Was schön ist: Letztes Jahr habe ich geschrieben, dass ich mit fast allen wichtigen Leuten schon auf einem Kraftklub Konzert war. Jetzt endlich auch mit S., und das fühlte sich irgendwie sehr passend an.
Es gab zwei Highlights. Abgesehen davon, dass ich den Tag mit L. und S. verbrachte natürlich. Das war auch ganz schön. Aber es gab zwei musikalische Highlights. Als wir aus dem Bähnli stiegen, an der Kontrolle vorbei auf das Festivalgelände gingen, war Kraftklub einfach gerade beim Soundcheck. Also halt sie selbst auf der Hauptbühne, in ihren normalen Klamotten, einfach am soundchecken. Wir sind so halb hingerannt zu den ca. 50 anderen Leuten, die auch schon da waren, und konnten vier Lieder hören. Sie kamen dann auch noch ins Publikum und irgendwie war es einfach ganz wild, sie vor so wenigen Leuten, ganz casual spielen zu sehen. Ich meine, Felix war so 5 Meter weg von uns. Crazy! S. meinte, ich sei ganz schön cool geblieben, aber ich glaube, das lag primär daran, dass die ganze Situation so unerwartet war.
Und zweites Highlight, natürlich, das Ikkimel Konzert. Ich war ja vor eineinhalb Jahren bereits an einem Konzert, ebenfalls mit L. und S., damals im Dachstock in Bern. Auch damals war sie schon gut. Aber Vera, ich sage dir, Ikkimel gehört auf eine grosse Bühne. Die war so krass, sie hat eine solche Präsenz, sie war so witzig und hot und gut! Echt, so so so gut. Es war ein Konzert für die Girls*, sage ich dir ehrlich, wir waren danach alle drei für einen Moment etwas heiser, weil wir so viel geschrien haben. Aber Dinge wie »Fotze« und »Hurensohn« in einer riesigen Menschenmenge einfach einmal zu schreien, sich dem Anti-Menners-Sentiment hinzugeben, war irgendwie befreiend. Ich mache die Diskussion darüber, ob Ikkimel feministisch ist (meiner Meinung nach schon) oder ob sie Männerhass propagiert (vielleicht, aber finde ich im Kontext ihrer Persona auch absolut vertretbar), etc. nicht auf. Das Konzert war jedenfalls unglaublich gut. Ab und zu tut es gut, diese Dinge rauszulassen.
Nun noch zu meinem Hauptargument gegen den Gurten (abgesehen von der toten Stimmung, weil ich finde, dass man die in einer guten Gruppe schon wettmachen kann). Was geht mit den Zeiten? Headliner spielen eine Stunde und 15 Minuten! Was soll das? Alle anderen spielen nur eine Stunde. Ausser Lo und Leduc, die spielen eineinhalb lol. Darf ich dich an das zweistündige Kraftklub Set oder die zweieinhalb Stunden Imagine Dragons am Southside erinnern? Oder die eineinhalb Stunden SDP? Wenn ich 130 Stutz für ein Festival zahle für einen Headliner, möchte ich schon ein ganzes Konzert. Das fand ich wirklich wild. Also, ich glaube, das ist normal, aber finde ich echt ziemlich scheisse.
Mein allgemeines Fazit zum Güsche: Ich glaube, als Berner*in ist es geil, wenn man viele Leute kennt. Der Ort ist enorm unpraktisch, dafür mega schön, weil man sieht auf die Alpen und auf Bern hinab, das lohnt sich aber irgendwie nicht. Mein rechtes Knie spürte ich noch eine Woche lang nach dem Abstieg nachts um 1, weil wir uns nicht ins volle Bähnli quetschen wollten. Der Tag hat Spass gemacht, die Stände sind herzig, die Leute waren nett. Aber wenn man geile Konzerte will, ist das irgendwie der falsche Ort. Und nenn mich altmodisch, aber mit meinem Budget gehe ich schon immer noch zu einem guten Teil wegen den Konzerten auf Festivals.
Bevor ich zu den Kategorien komme, teile ich noch meine August 10 Liste mit euch. Julianna Salguero macht das jeden Monat auf Substack und ich habe im Mai auch damit angefangen, weil es Spass macht, und ich Listen liebe. Das Prinzip ist einfach: Du machst dir jeden Monat eine To-Do Liste mit 10 Dingen, die du gerne machen würdest. Es dürfen Admin-Sachen oder Selbstoptimierungs Dinge dabei sein, aber wichtig an der Liste ist, dass es keine Konsequenzen hat, wenn du das nicht machst. Es ist also keine Stress-Liste, sondern einfach ein Leitfaden. Ich finde die Idee sehr schön, meistens schaffe ich nur so 5 von 10 Sachen, aber das ist absolut okay. Hier also meine Augustliste:
o Pulli fertigstricken
o einen Film im Open Air Kino schauen
o 6 Bücher lesen
o tanzen – Usgang!
o schwimmen
o Cozy Gutschein endlich brauchen
o an meiner Seminararbeit schreiben
o Postkarten schreiben
o G-Split schaffen
o auf meinem Balkon übernachten
So, dann zu den Kategorien.
Etwas zum Hören: Marlboro Mann von Kraftklub. Ich weinte ein bisschen versteckt, als sie ihr Set damit begannen. So ein gutes Lied.
Etwas zum Lesen: Ich bin noch nicht ganz fertig, aber natürlich Meine geniale Freundin von Elena Ferrante. Ich lese es für unseren Buchclub (Mittwoch, 5. August 2026, meld dich, wenn du noch kommen möchtest!), und es ist so unglaublich gut. Ich freue mich, das Buch fertigzulesen und nächste Woche dann mit dir und allen anderen zu besprechen. Wird cool!
Etwas zum Glotzen: Ich habe am Samstag Spiderman: No Way Home geschaut als Vorbereitung auf den vierten Teil, den ich nächste Woche schauen gehe. Hype hype hype! Tom Holland wirklich der beste Spiderman. Auch wenn ich Andrew Garfield sonst liebe (einer meiner top drei Schauspieler), und ich auch immer noch einen nostalgischen Softspot für Tobey Maguire in mir habe. Tom Holland wirklich so gut. Ich hab den Trailer für Spiderman: Brand New Day bestimmt schon fünfzehn Mal geschaut und auch ein paar Mal geweint. Ich freue mich!
Die Odyssee habe ich leider noch nicht geschaut, obwohl ich unbedingt möchte. Mama und ich suchen noch einen Termin. Emily Wilson (Übersetzerin der Odyssee) hat den Film übrigens zerrissen. Ich liebe einen guten Verriss.
Etwas zum Trinken: Corona mit Limettenschnitz. Trinke ich sonst nie, aber im Sommer scheppert das echt.
Songzeile der Woche: Lyrisch nicht so gut, aber wenig fühlt sich besser an, als das auf der Autobahn voll aufzudrehen und laut mitzuschreien: Someone call the doctor / Got a case of a love bipolar // Stuck on a rollercoaster / Can't get off this ride. Das ist die Bridge von Hot 'n' Cold von Katy Perry. Vielleicht eine der besten Pop-Bridges.
So, ich freue mich aufs WG-Hopping am Samstag, wo wir wieder einmal alle Wohnungen in Liestal/Basel abklappern und uns betrunken. Ich freue mich. Und ich bin eigentlich auf parat für Ausgang danach. Ich hoffe, ein paar andere auch.
Bis später beim Schwimmen!
Alles Liebe
Michelle




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