Liebe Vera
- vor 20 Stunden
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Zu spät, zu spät, entschuldige. Obwohl ich praktisch den ganzen Sommer über 80% gearbeitet habe, habe ich anscheinend immer noch nicht richtig gecheckt, dass ich abends ja nicht so viel Zeit habe, wie ich immer meine. Diese Woche nämlich zuerst Date. (Ja, Hinge. Ja, ich bin eine Heuchlerin. Das ist nichts Neues.) Dann Rheinabend mit dir. Dann Training. Ein bisschen zu wenig Zeit zuhause, sogar für meine Verhältnisse.
Vorgeschichte zu besagtem Date: ich fühlte mich, umgeben von all diesen Pärchen, vermutlich auch Zyklus bedingt, mal wieder etwas einsamer als sonst, lud die App wieder herunter, versprach mir dieses Mal aber, auf mindestens ein Date zu gehen. Gesagt, getan. Dann zwei Tage lang spiralen, weil ich mich mega uncool fühlte, obwohl ich mich sonst selten uncool fühle, und mega nervös sein, wobei ich ja meistens ziemlich nervös bin. Und weil ich bekanntlich Dinge sehr schlecht mit mir selbst ausmachen kann, folgten dann Gespräche mit gefühlt allen über das Daten und die Nervosität und auch das Sich-einsam-fühlen. Ich sprach nach der Sonnenfinsternis kurz mit E. darüber, dann am Wochenende ausführlich mit L., dann per WhatsApp und Sprachnachrichten mit dir und A., beim Zmittag mit M., beim Teams-Call mit S., am Telefon mit meiner Mutter und meinem Bruder, dann nochmals mit L., auch am Telefon. Misch-Krisen wirken sich immer auf viele Leute aus, meine Nervosität wird dann so breit verteilt und gestreut, dass bei mir gar nicht mehr so viel übrig bleibt. Nach all diesen Gesprächen hat sich auch das Einsamkeitsgefühl mehr oder weniger wieder in Luft aufgelöst, und fast hätte ich das Date wieder abgesagt. Weil ich es mir selbst versprochen habe, ging ich dann aber doch.
Ich gebe dir einen mehr oder weniger richtigen Bericht meines Dates. Wie er es empfunden hat, weiss ich nicht, denn wir ghosten uns seither gegenseitig, was mir recht ist, da es uns beiden die etwas unangenehmen Entschuldigung-ich-bin-nicht-an-dir-interessiert-Nachricht erspart.
Wenn ich jetzt so überlege, habe ich meinen Dienstagabend für das altbekannte „Du studierst Lesen?“ Gespräch geopfert, wenn auch eine andere Version davon. Fragen wie „Wie viele Seiten liest du pro Monat?“, „Aber die Jobs, sterben alle aus wegen KI, oder?“ und „Also, man liest einfach und redet dann?“ Das ist mehr oder weniger mein Studium, gebe ich zu. Dann wertete er jedoch Romantasy als ganzes Genre ab, weil es ja eigentlich nur Porn sei, und das nur Frauen lesen. Hat er nicht so gesagt, aber das war der Unterton, den ich rausspürte. Fand ich schwierig. Dieser Typ IT Mensch hat nicht so ganz eingesehen, wieso man Literaturwissenschaften studiert, scheint nicht so viel Sinn in Literatur allgemein zu sehen. Als ich ihn fragte, ob denn sein Job von KI bedroht sei, verneinte er sehr vehement und etwas beleidigt.
Auch sonst matchte es nicht wirklich. Er hat Spiderman nie gesehen, verstand meinen Hype nicht, weil Superhelden zu Mainstream sind (er erklärte stolz, er habe noch keinen einzigen Marvel oder „das andere, wie heisst s schon wieder?“ Film gesehen). Er fand es cringe, dass ich am Taylor Swift Konzert war (er verdrehte die Augen nicht ganz so unauffällig, wie er vielleicht dachte, und meinte „ugh, ich cha nid mit Swifties“), und auch sonst blieben die Gespräche relativ oberflächlich. Ausserdem redete er echt leise und lachte fast nie, obwohl wir an einer befahrenen Strasse sassen, und ich witzig war, und ich immer wieder nachfragen musste, weil ich ihn nicht verstand. Das führte dann zu kurzer eigener Unsicherheit, weil ich dachte, ich schreie den armen Mann an, und mein Lachen erschien mir zwischenzeitlich zu laut. Obwohl ich sonst immer sehr positiv eingestellt bin Leuten gegenüber die laut lachen. Naja, er war aber nett, eigentlich respektvoll, aber irgendwie war da halt nicht mehr. Er zahlte das Guinness (welches ich übrigens wie eine Profi splittete) und wir verabschiedeten uns. Ich tauchte danach mit einem sehr positiven Gefühl bei dir in der WG auf für den Debrief, nicht weil das Date sonderlich gut war, sondern weil ich irgendwie stolz war aufs überhaupt Hingehen, weil ich das „single sein ist gerade echt absolut okay“ Gefühl wieder zurückgewonnen hatte. Mal schauen, wie lange es dieses Mal hält.
Ein Faktor, wieso es wieder mehr stresst, sind übrigens nicht einmal all die Pärchen. S. hat gleich nach meiner Trennung vorhergesagt, dass die Leute nach etwa eineinhalb Jahren wieder wegen Partner*innen zu fragen beginnen. Tatsächlich wurde ich diesen Sommer von mehreren Leuten aus meiner Familie aber auch sonst gefragt, ob ich denn wieder wen habe. S. hat diesen Timeframe absolut getroffen.
Und um all diesem Dating-Talk etwas entgegenzusetzen, versuche ich das nun mit einer Liste all der Momente abzurunden, in denen ich mich in den letzten Tagen und Wochen so gar nicht einsam gefühlt habe:
WG Hopping am 1. August mit unserer Freund*innengruppe, wo ich mich so aufgehoben fühlte und irgendwie alles ein bisschen loslassen und laut sein konnte. Und das Flunky nachts im St. Johanns Park.
Die Sonnenfinsternis. Wir sassen mit halb Basel auf dem Bruderholz, teilten zu viert eine Brille, die wir ab und zu an die Kinder neben uns abgaben, bestaunten dieses Spektakel. Die Leute klatschten, als es vorbei war, und obwohl es so kitschig war, war es auch so schön, so etwas Krasses umrundet von all diesen fremden Menschen zu erleben.
Zmittagsgespräch mit M. Hat unglaublich gutgetan.
Jede Diskussion, die ich über die Odyssee geführt habe. Egal ob abends im Wald oder per WhatsApp mit fast 10-minütigen Sprachnachrichten oder auf unserem Balkon. Lang lebe die Mono-Kultur. Manchmal. Ich liebe es, wenn so viele Leute das Gleiche konsumiert haben, alle aber irgendwie andere Meinungen haben, über die man sich austauschen kann. Wunderbar ist das.
Mein letztes Team-Meeting im Marketing. Ich bin zwar noch eine Woche da, aber nächste Woche sind ein paar schon in den Ferien. Ich habe Kuchen gebracht und ein herziges Kärtchen mit Abschiedsgeschenk bekommen. War sehr süss.
Brunch am Samstag mit S. und L. Die zwanzig Minuten vor dem Donnerstagstraining in ihrer Küche. Eigentlich jede Minute in S. und L.s Küche, die seit Jahren ein so fester Bestandteil von mir ist. Eigentlich auch jede Minute mit S. und L.
Auf dem Handballfeld in der überhitzten Halle mit meinen Mitspielerinnen. In der Garderobe davor und danach. Es tat gut, wieder einmal einen Match zu spielen, auch wenn meine Hormone verrückt spielten und ich echt einen schlechten Handball-Tag hatte.
Feierabend Bier nach dem Kühllager. Eigentlich all die Tage im Kühllager, wo ich vor allem mit P. und F. arbeite, yappen und rumblödeln kann. P. hat es sich zur Mission gemacht, mich mit nach Thailand zu nehmen nächsten April für Songkran (das ist Thai New Year, wurde mir erklärt). Sie sieht nicht ganz ein, dass 600 Stutz für einen Flug für eine mit meinem Einkommen nicht nichts ist.
Auf P.s Bett. Wir schauen „Dear England“ zusammen, weil wir es beide nicht allein schauen möchten. Wir diskutieren das Harry Kane Casting, und ich trinke dabei eiskalte Spezi.
Die FPL-Gruppe wurde wieder erstellt und wir sind alle sehr hype. Ich freue mich!
Balkongespräche mit dir. Und deinen Mitbewohnerinnen. Ich bin froh, hast du eine so herzliche WG gefunden.
Nun noch zu den Kategorien.
Etwas zum Essen: Im Kühllager können wir manchmal beschädigtes oder übriges Hello Fresh Material mitnehmen. Die Desserts muss man anscheinend nicht selbst zubereiten, wenn man diese Meal Kit Boxen bestellt, denn letzte Woche lagen verschiedenste Tiramisus und Schoggichüechli und Cremes herum, die man mitnehmen durfte. Mein absoluter Favorit: das Spekulatius-Tiramisu.
Etwas zum Lesen: Ich habe die ersten beiden Bücher der Dungeon Crawler Carl Reihe von Matt Dinniman gelesen. Riesige Empfehlung! Sci-Fi mit Fantasy und sehr viel Action. Ich musste wirklich regelmässig laut lachen. Gerade habe ich wieder einmal sehr viele andere Bücher angefangen (Goodreads sagt mir, dass ich gerade 16 Bücher lese), die ich zuerst beenden möchte, bevor ich weiterlese. Das braucht ziemlich viel Selbstbeherrschung.
Etwas zum Glotzen: Spiderman Brand New Day. Ich muss evtl. noch ein zweites Mal ins Kino, um mir eine abschliessende Meinung zu bilden.
Etwas zum Hören: Loser von Tame Impala.
So, nun steht mir ein ebenfalls ausgebuchtes Wochenende bevor, auf das ich mich sehr freue. Handball, Geburtstagsparty, tanzen, Pyjamaparty. Alles Dinge also, die ich liebe. Ich hab am Montag ja frei, da liegt das drin. Juhui.
Alles Liebe
Michelle




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