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Liebe Michelle

11. Juni
5 Min. Lesezeit

8.Juni     

                                            

Wie geht’s? Ehrlich gesagt habe ich ein bisschen den Überblick über unseren Austausch verloren. Mein Zeitgefühl ist gerade etwas schwammig, etwas im Ferienmodus. Aber du verzeihst mir das bestimmt, wenn ich daran denke wie schön sommerlich-träumerisch du mir letztens geschrieben hast. Gerade sitze ich auf der Couch und schaue die zweite Halbzeit des Freundschaftsspiel Frankreich-Nordirland. Wir sind besessen von der Coolheit von Olise. Ich muss echt noch die Spielernamen lernen, auch der Schweizer Auswahl, du bist da wortwörtlich schon viel besser im Game als ich, schliesslich beginnt es schon nächste Woche, crazy oder? Während dem ersten Schweizmatch bin ich aber auf einem Festival in Marseille auf das ich mich schon seit 2 Monaten richtig doll freue.


Nun, what happened de beau?


Letzte Woche hatte ich hohen Besuch aus der Schweiz. Nach meinem Geburtstag, welchen ich am Strand und dank einer Mückenattacke inklusive Flucht in ein Uber in einer Bar verbrachte, kam L. und dann A. vorbei. Gleichzeitig überwallte uns die erste Hitzewelle und ich hatte wegen dem Geburtstagsabend meine Stimme verloren. So war der Besuch sehr schön, wenn auch kräftezerrend, in meinem kleinen Studio wurde es sehr heiss, gleichzeitig flüchteten wir oft an den Strand. Es wurden auch viele Schritte in der Innenstadt absolviert und Glace’s gegessen. J. wurde vorgestellt und als Chauffeur eingesetzt.



Gleichzeitig war es auch eine Woche der Abschiede. Von meiner international community bin ich die einzige, die jetzt noch hier rumhängt. Aber das ist okay.


Aufzählung von Dingen, die ich in dieser hiessen Woche gemacht habe: Bis zur Boie schwimmen, Strandball kaufen und spielen, Rugby am Strand, nachts nicht schlafen können wegen der Hitze, bei J. schlafen können wegen der Klimaanlage, durch den Zoo laufen, aus dem Zoo gejagt werden von vielen Jeeps, da der Zoo schloss, Chouffe trinken, Picon Bière trinken, mich etwas schlecht führen, da meine Freunde sich besser auskennen mit französichen Bieren, Falafel essen, sehr viel Pastis trinken, im Restaurant essen, Yoga aux Beaux-Arts, Rind essen, das man nicht kauen kann, sich mit A. fragen, ob das gut ist oder nicht, politische Diskussionen, feine Muscheln essen mit krasser Sauce à la Persillade, viel Geld ausgegeben, Chorproben ohne Stimme.


Seit einer Woche sind also alle weg, meine Freunde aus der Schweiz, als auch meine Freunde von hier, nur ich bin noch hier. Glücklicherweise verstehe ich mich aber auch gut mit den Leuten im Chor und der ist auch ein Fixpunkt der Woche. Ausserdem hatten wir letzte Woche einen Flashmob am Bahnhof und am Samstag unser erstes Konzert. Ich freue mich sehr, dass ich meine Zeit hier mit unseren drei Chorkonzerten abschliessen kann.


Ich schreibe dies gerade während J. seinen Kopf an mir anlehnt und meinen Nacken krauselt. Okay, das ist, was ich eigentlich gerade am meisten mache: in Prades-le-Lez chillen und Hérault mit dem Velo erkunden. Ich könnte hier schon leben, glaube ich, sorry Michelle, ich weiss, dass du unbedingt willst, dass ich in die Schweiz zurückkomme, aber Rhein < Méditéranné.


 

10. Juni


So, ich sitze gerade in einem Kaffee im Quartier Beau-Arts mit meinem Cappuccino glacé, es ist leicht frisch, der Wind streift durch die Blätter des chinesischen Holunders, der mir Schatten spendet. (Danke an Google Lense mit KI-Funktion). Es ist 14:00, ich bin nicht die einzige mit Laptop an meinem kleinen runden Tischchen und ich lebe gerade voll das BOBO-Leben, sollte ich doch an meiner Masterarbeit über soziale Ungleichheit im Bildungssystem schreiben. (BOBO=Bourgeois-Bohême, es ist wirklich eine Schande, dass dieser Begriff im deutschsprachigen Raum keinen Gebrauch findet, da wir alle praktisch Teil davon sind und es nicht ganz das gleiche wie Yuppies ist.)

 

Bisschen alt: add Adidas Jäggli und Birkenstock Clogs in the mix, gleiche Idée.
Bisschen alt: add Adidas Jäggli und Birkenstock Clogs in the mix, gleiche Idée.

Ja, die Masterabeit, die ist eigentlich mein Projekt für meinen letzten Monat hier (also der Anfang zumindest) aber da ich glücklicherweise schon recht schnell nun ein Thema, eine Theorie und sogar einen einigermassen logischen Aufbau gefunden habe, prokrastiniere ich gemütlich vor mich hin (oder gehe stattdessen an den Strand). Du kennst es: kein Druck, wenig Motivation. Obwohl ich eigentlich schon motiviert bin, da es mich interessiert. Da wär ja auch noch ein Schreibprojekt, was irgendwie noch schwieriger anzugehen ist als die Masterarbeit, da es mir eigentlich noch wichtiger ist.


Nun, alles halb so schlimm, vielleicht motiviert mich dieses BOBO-Leben ja nun doch, um an der Arbeit zu schreiben, schon sehr nett hier, Morgens ins Yoga, dann an den Markt und dann im Café etwas schreiben. So einfach kann das Leben sein.



Okay, ich muss hier aufhören mit meinem utopischen Getue, etwas, das mich auch gerade sehr beschäftigt, ist der Umstand, dass gerade so viele Leute in meinem Umfeld einen Job suchen und dass ich mit meiner Berufswahl dadurch sehr privilegiert bin. J., L., A., W. und du, alle sind auf Arbeitssuche und ich chille hier vor mich hin. Aber ich glaube, dass es mich auch bestärkt in meiner Wahl. Ich würde niemals sagen, dass Lehrerin mein absoluter Traumjob ist, aber es ist ein sicherer Beruf mit vielen Freiheiten und ich freue mich ehrlich gesagt sehr, wieder zurückzukehren, obwohl ich Mitte Januar genau so froh war, zu gehen, da ich nichts unter Kontrolle hatte. Aber nun plane ich tatsächlich schon das Schuljahr für Musik im nächsten Jahr, ich will unbedingt mit den Kindern ein Konzert machen und das ist es auch, was ich meinte, als ich «prokrastinieren für die Masterarbeit» schrieb. Tatsächlich habe ich heute morgen Canva-Präsentationen für die Schule gemacht, Lohnarbeit also. Mal schauen, ob es dann auch tatsächlich so wird wie gehofft, aber ich habe sicherlich weniger Angst und mehr Zuversicht.


Letzter Punkt: omg, dieses Wochenende fahren wir nach Marseille, um an ein Festival zu gehen, an dem Théodora, die BOSS LADY spielt, wir gehen aber hauptsächlich wegen THEA, ich habe schon «Juste Amis» auf meine Fingernägel tätowiert. (Mit Fehler merke ich gerade, omg, so peinlich.) Wir werden bei J. Onkel übernachten können, der ein Haus mit PISCINE hat, nicht schlecht, oder? C’est pas la capitale, c’est Marseille Bébé.


Gleichzeitig fängt auch die WM an, hot topic, wir haben bei unserem Mittagsdebrief heute schon viel darüber gesprochen, über die politischen Auswirkungen etc., das können wir ja dann, wenn es so weit ist, hier noch mehr ausarbeiten. Dieses Jahr bin ich in 3 Tippgruppen und ich darf das Tippen wirklich nicht vergessen, denn von der FHNW kann man einfach die Semestergebüren für ein Semester gewinnen. Immerhin kann ich dadurch mein BOBO-sein wieder etwas ablegen. Vor den Kategorien also noch etwas wichtiges: HOPP SCHWIZ.


Eine kleine Liste noch mit Dingen, dich ich noch machen will, während ich hier bin.


  • goldenes Nasenpiercing

  • Mullet schneiden

  • Teeth stones

  • Glace essen, bei der Padova Gelateria

  • viel Baden, anständig bräunen

  • nochmals gegen J. im Ping Pong gewinnen. (wir haben gemerkt, dass wir ungefähr das gleiche Ping Pong Niveau haben, was sehr viel Spass macht.)

  • Stiefel bis zu den Knien kaufen

  • Mini Jupe schwarz und langer Jupe weiss in Friperie finden.

  • Top fertig häkeln (bis Samstag STRESS!)



So, nun noch schnell die Kategorien:


Etwas zum Lesen: Endlich wieder français: le pays des autres, Leïla Slimani.


Etwas zum Hören: omg, omg, BANDE ORGANISÉE, SCH/Jul/Kofs/Naps/Soso/Alonzo


Etwas zum Glotzen: Rhynocéros, so eine linke Erklärsendung, um Franz zu lernen.


Etwas zum Essen: Diese Muscheln mit A. bei diesem fancy Restaurant oder allgemein eingelegter Tintenfisch! Und Brets Chips Moutarde Piment, omg!!!


Wort der Woche: Marseille Bébé.


Liebste Grüsse


Vera



PS: Ich freue mich auf unseren Buchclub!! Ich lese auch wieder etwas mehr, auch wenn ich trotzdem nicht mega schnell vorankomme, aber ich freue mich wirklich darauf, wieder Elena Ferrante zu lesen. MELDET EUCH; 5. August, in Basel, wir würden uns mega über ein paar Gesichter mehr freuen. (zu viel mega in diesem Satz)


Ich habe mich imfall geirrt, es gibt doch Blumen im Süden, sie blühen einfach erst im Juni.
Ich habe mich imfall geirrt, es gibt doch Blumen im Süden, sie blühen einfach erst im Juni.

 

 
 
 

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