Liebe Michelle
- 23. Juni
- 7 Min. Lesezeit
Ich sitze gerade im gleichen Kaffee wie das letzte Mal, etwas lustig, oder? Leider ist die Klimaanlage zu wenig stark, um gegen die heisse Luft, die durch die offenen Türen hereinströmt, anzukämpfen. Ja, es ist heiss, das haben wir alle begriffen, mein ganzer social media content besteht nur noch darin. Lustigerweise ist es bei euch sogar noch etwas heisser als hier im Süden. Es gibt eine Situation, die mir immer wieder passiert und die zeigt, was für ein verzerrtes Bild Franzos:innen von der Schweiz haben. Schon mehrmals haben Leute zu mir gesagt, dass ich dann wenigstens wieder in die Kälte zurückkehren kann im Juli. Und ich denke immer so, hallo Leute, da sind nicht nur Berge (und auch in den Bergen ist es im August heiss, ausser du bist auf 3000 Meter). Frankreich sollte etwas besser werden im Geografieunterricht und etwas weniger Könige auswendig lernen(hist-Géo ist ein gemeinsames Fach). Ich sage dann immer, dass ich praktisch in Mulhouse wohne und dann ist alles klar. Und dann lobe ich natürlich noch den Rhein 2 Stunden lang. Ich habe wirklich auch Leute getroffen von Strasbourg, die nicht wussten, dass man in Basel im Rhein baden kann, Skandal. Dazu, also zu Basel, aber später mehr.
Zuerst will ich dir von meiner Vida Loca erzählen. Die letzten zwei (!) Wochenenden war ich nämlich in Marseille (bébé), meinem zukünftigem Wohnort. Also genauer gesagt war ich in Rousset, ausserhalb von Aix-en-Provence, dort hat J.’s Onkel ein Haus mit Pool. Ein Pool bei dieser Hitze ist wirklich das non plus ultra, einfach den ganzen Tag baden, lesen, chillen, guten Kaffee trinken. Wir waren natürlich nicht nur grosse Profiteur:innen des Pools, sondern hatten gute Gründe, da zu sein. Doch du weisst, wie ich das südländische Leben liebe und auch wenn ich nicht so weit unten auf dem Globus bin, verdienen diese Wochenenden diesen Namen. Wir sind beide Male Freitagabend angereist und haben nicht vor 22:30 gegessen. (Ausser Apéro natürlich, hoch leben Pfefferchips von Tyrells) Ich habe an den beiden Wochenenden Champagner und einen Rotwein von 2008 getrunken, viel feine Tomaten und andere Salate gegessen, und zur Trauer von J. gemerkt, dass ich Andouilles (so eine Darmwurst) nicht sonderlich mag. Richtig gut gratinierte Spiesse natürlich schon.
Am ersten Wochenende sind wir nach Marseille gekommen, um THÉA auf dem Festival zu sehen. Obwohl wir aus Versehen einmal um den ganzen Parc Borély gelaufen sind, bevor wir den Eingang gefunden hatten, dann noch 30 Minuten für Essen und mindestens 45 Minuten für ein Bier anstehen mussten, hatte sich das ganze richtig gelohnt! Sie hat während einer Stunde Set alles gegeben und ich war wieder mal in einem Moshpit, Hype! Danach hatten wir von hinten noch das Set von Théodora mitbekommen, DEM Stern am Musikhimmel. Mit Disiz zusammen hat sie dieses Jahr den Rekord gebrochen für die Single, die am längsten auf Platz 1 der französischen Charts ist. Und wie es das Schicksal (oder das Booking) so wollte, war Disiz auch da und sie sangen zusammen mit uns allen MELODRAME. Weil niemand von meinen Freunden dieses Lied kennt, da alle zu cool sind für Mainstream, freue ich mich richtig, wieder in die Schule zurückzukehren, um mit meinen Schüler:innen Théodora abzuhypen, da ich mir 100% sicher bin, dass ihnen dieser TikTok-Hit nicht entgangen ist (hoch leben 13-Jährige.) Théodora hat auch sonst krass abgeliefert, ich war echt begeistert von ihrer Stimme, die live noch viel kraftvoller und klarer war als in den etwas auf Spotify 2026 abgestimmten Tracks. PLL (eine Shatta-Gruppe von la Réunion) hat dann zum Schluss leider etwas enttäuscht, aber the bar was really high. Am nächsten Tag wurden unsere Code-Switching Kapazitäten auf die Probe gestellt, denn wir sind mit J.’s Familie in einem Restaurant mit Blick auf den Vieux-Port essen gegangen. Ich habe Tataki de Boeuf bestellt und das war etwas vom Besten, was ich je gegessen hatte.
Am zweiten Wochenende, also vor einigen Tagen, hatte unser Roadtrip andere Gründe. J.’s Rugbyteam, Stade Français, das Team von Paris, kam ins Top 14 (Die Rugbyleage) Halbfinale im legendären VELODROME. Ich war noch nie in so einem grossen Stadion und es war sehr eindrücklich. Paris hatte gegen Montpellier gespielt, aber ich musste natürlich solidarisch auch Paris unterstützen (da ich sonst für die séction paloise bin, aber das ist eine andere Geschichte.) Das hat dann eine etwas lustige Dynamik kreiert: Ich, als Schweizerin, war in Marseille an einem Match an dem ich Paris gegen Montpellier, die Stadt in der ich gerade wohne, unterstütze. Selten war ich wegen Sport (bei dem ich nicht selbst angetreten bin) so nervös! J.’s war schon den ganzen Tag viel zu aufgeregt und während dem Spiel hat Montpellier zwar klar dominiert, aber der Score war trotzdem noch sehr lange ausgeglichen. Paris hat dann aber verloren :( Wenigstens habe ich ein cooles T-Shirt gekauft und J.’s ein pinkes Beret.
Gestern sind wir dann nach einem letzten Sprung ins Pool wieder nach Montpellier zurückgefahren, die Hitze begann richtig unangenehm zu werden. Abends sang ich mit dem Chor am Fête de la musique, ich habe ein paar Instastories dazu gemacht, weswegen ich das jetzt nicht nochmals ausführen werde, aber das Prinzip fête de la musique, einfach immer am 21. Juni in den Strassen sehr ungezwungen für den längsten Tag im Jahr Party zu machen, finde ich sehr nice. Es war wirklich sehr schön und auch sehr divers. Fast jede Bar stellte ein DJ-Pult auf, gleichzeitig gab es Fanfaren oder einzelne Künstler:innen mit Gitarre und Mikrofon. Ein bisschen wie Fasnacht in diverser. Es waren auch viele Teenies unterwegs.
Meine absolute Entdeckung des Abends war die Gruppe Balkan Paradise Orchestra eine Brass-Band aus Barcelona, bestehend aus 10 (krass talentierten) Frauen, die sangen und spielten und tanzten, absoluter Banger. Ich habe allgemein das Gefühl, ich habe in letzter Zeit so viele Frauen auf Bühnen gesehen, wie davor über sehr lange Zeit. (Ich meine an Festivals, auch kleineren, ansonsten ist es ja klar meine freie Entscheidung.) Das ist irgendwie auch der Beef, den ich mit deutscher Musik habe. Klar gibt es einige sehr grosse, weibliche Künstlerinnen, die sehr erfolgreich sind. Aber da ist diese riesige Masse an weissen Sängern, die wir alle verehren und uns das dann damit entschuldigen, dass das ja alles Antifaschisten sind. Aber so funktioniert das nicht. Es ist nicht mal besonders links, wenn ein weisser reicher Bubi auf der Bühne fuck Nazis ruft. Für mehr Diversität braucht es Frauen und POC auf den Bühnen. Nura ist die einzige schwarze Sängerin, welche mir in den Sinn kommt und auch sie konnte nach SXTN nicht wirklich an den Erfolg anknüpfen. Zu politisch? Zu unangenehm für unsere weichen Indie-Herzen? Zoe Wees hat ihre Karriere im Ausland gemacht.
Von der Schweiz müssen wir gar nicht anfangen zu reden. Hier ist sogar Hip Hop vom Bürgertum gekapert worden. Es gibt schlichtweg in der Schweiz keine Musik, die wirklich subversiv ist, die sich wirklich gegen das Etablissement wendet. Vielleicht liegt es an SRF, ich weiss es nicht. Aber es scheint nur logisch, dass Loredana ihre Karriere in Deutschland gemacht hat. Meinen Schüler:innen würden es nicht im Traum in den Sinn kommen, Schweizer Musik zu hören, aber wieso auch? Nichts darin wiederspiegelt ihre Lebensrealität. Okay, das war etwas viel rage bate.
Ich wollte eigentlich noch über Heimat schreiben. Letztens bin ich abends lange im Meer getrieben und hatte Zeit zu denken, so wie man sonst nie Zeit zu denken hat, da da schimmernde Bildschirme oder Musik oder sonst was sind. Ich habe mich gefragt, wo meine Heimat ist, da ich mich hier am Meer gerade so wohlfühle. Ob es einen Ort gibt, der mich – egal wie lange ich weg sein werde – irgendwann wieder zurückziehen wird. Ich bin mir nicht sicher. Natürlich ist die Schweiz objektiv meine Heimat und so lange habe ich verkrampft versucht, Basel zu meiner Stadt zu machen, auch als ich in Zürich wohnte, da ich Liestal als Kleinstadt schon immer ungeeignet fand als Herkunft. Obwohl da alle Freunde waren. Doch so früh wollte ich so krass Städterin sein, habe meine Sprache angepasst (mikro Code-Switching), habe das Land abgewertet, habe alle Bräuche überzelebriert, den Rhein verehrt, so wie wir es alle tun, war mir sicher, dass auch ich irgendwann aktiv Fasnacht machen werde, musste allen beweisen, dass ich mich in der Stadt gut auskenne, die Strassennamen kenne. Irgendwie war da ein komischer Drang nach Zugehörigkeit. Und durch meine Beziehung hatte ich dann endlich einen direkten Zugang zu dieser Welt, die ich immer verehrt hatte, ich war die Baslerin der Gruppe, aber sind wir ehrlich: ich war nie wirklich Städterin. Und ich habe auch nicht mehr wahnsinnig Lust, es zu sein. Und es ist mir auch egal, dass ich nicht weiss, wo meine Heimat ist oder keinen Ort habe, an den ich bestimmt einmal zurückkehren möchte. Basel ödet mich an. Vielleicht braucht man manchmal auch mehr als 25 Jahre, um eine Heimat zu finden. Während meiner Depression war eine meiner Sorgen auch, dass ich es nicht schaffe, etwas über längere Zeit aufrecht zu erhalten (ausser Freundschaften, ein Hoch auf uns), immer schnell gelangweilt bin von Dingen, und so keine richtige Identität habe. Aber vielleicht ist das okay und ich bin einfach gezeichnet von diesem steten Wandel
Wenn ich so auf mein Leben blicke, ist der Ort, an dem ich am längsten Zeit verbracht habe Liestal und da war ich 12 Jahre, auf ein Leben gar nicht so lange und auch auf mein Leben nicht mal die Hälfte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich je wieder da zurückkehre, ist gegen null, ausser etwas sehr prägendes würde passieren.
Hast du einen Ort oder eine Region in der du dich «zuhause» fühlst? Wo ist deine Heimat? Ich finde es spannend, dass es für Heimat keine wirkliche Übersetzung auf Französisch oder Englisch gibt. Ist das ein deutsches Prinzip? Seit wann existiert das? Bitte füttere mich mit deinem Literaturwissen!
Passons aux catégories, ich schaue gerade ein Youtubevideo über WC’s, lol.
Etwas zum Lesen: Cher Connard von Virginie Despentes, aber ich bin noch nicht 100% überzeugt. Sehr 2018 und auch ein bisschen viel Hype über Drogen, bisschen langweilig.
Etwas zum Hören: BBL, von Théodora. LOS!
Etwas zum Essen : Tataki de Boeuf. Und noch was. Heute war ich bei Ikea, weil die Tram Nummer 1 da direkt hinfährt und die Tram Nummer 1 die einzige ist mit Klimaanlage und ich dachte, ich kann meine Masterarbeit auch bei Ikea prokrastinieren. Leider war das Restaurant nicht offen, da sie es neu machen. Aber ich habe mir im Bistrot ein Softeis für 1 Euro und einen Kaffee genommen und da habe ich gemerkt, dass es einen krassen Lifehack gibt für Sommertage (habe ich leider erst danach gecheckt). Da man einfach ein leeres Cornet und eine Tasse kriegt, kann man das Glace in das Glas stürzen und dann den Kaffee darüber kippen und dann hat man AFFOGATO für 2 Euro. Ich werde nochmals zu Ikea gehen, nur um das zu machen.
Etwas zum Glotzen: WM, ich bin noch nicht so im Flow ehrlichgesagt, aber ich wollte hier einfach noch kurz dein Tippspiel-Game loben! QUEEN! Ich glaube, ich werde dann ab den Sechzehntelfinals mehr invested sein und ich weiss jetzt, dass ich am Finaltag in Frankreich bin, heisst, wäre schon sehr cool, nochmals ein 2018 zu erleben.
Wort der Woche: CANICULE!
Alles Liebe
Vera




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