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Liebe Michelle

  • vor 11 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

20 MINUTEN VOR SPIELBEGINN


Wie geht es dir? Ich bin gerade im Salon eines Segelcharters. (Klingt besser als eines gemieteten Bootes.) Es schwankt leicht und ich hoffe, dass mir nicht schlecht wird, aber die Chancen stehen gut, denn ich habe heute sogar die relativ unruhige See ohne zu große Übelkeit und ohne Medikamente überstanden. Das war nämlich meine größte Angst. Dass ich alles andere lieben würde, wusste ich. Aber dazu nachher mehr. Zuerst noch kurz zurück zu deinem Brief. Danke für deine wahnsinnig schönen Worte über Heimat und besonders über deinen momentanen Job in der Fabrik. Ich habe es dir schon gesagt: Das sind die Texte, die Wettbewerbe gewinnen. Ich liebe den unverblümten, frischen, aber kritischen Blick, der hauptsächlich aufzeigt und damit die Ungerechtigkeiten aufzeigt, ohne diese konkret benennen und immer mit dem Zeigefinger und Schlagwörtern darauf pochen zu müssen. That’s literature, babe. Wir haben ja dann noch darüber gesprochen, wie man den Text noch wettbewerbstauglicher machen kann. Und das finde ich eigentlich das Perfide bei solchen kompetitiven Literatur"möglichkeiten". Es geht auch immer darum zu wissen, was die Jury lesen will. Somit verändert man Dinge auch auf eine Art und Weise, die einem selbst vielleicht gar nicht gefällt. Es ist eigentlich wie Schule. Du musst wissen, was der Lehrer hören will, und dann hast du eine gute Note. Außer dass es in der Schule egal ist, was du im Test schreibst, im Gegensatz zu Texten, die man gut finden will.


5 MINUTEN VOR ANPFIFF: TRITTST IM MORGENROT DAHER…


Eigentlich wollte ich einen smoothen Übergang hinkriegen von Heimat zu: Ich bin wieder zu Hause! Es ist viel passiert in den letzten 2 Wochen, aber dies fasst es wohl zusammen. Die letzte Zeit in Montpellier habe ich noch sehr viel gesungen. Wir hatten am letzten Juniwochenende 3 schöne Konzerte, die toll klangen, das letzte war sogar ausverkauft. Dieser Chor hat mir wirklich ein bisschen die Freude am Singen zurückgegeben und ich habe gemerkt, dass es auch im Amateurbereich schön ist, zu singen. Ich will mir jetzt unbedingt einen Chor suchen in Basel. Ich freue mich auch schon sehr auf die Videos, das ganze Konzert wurde aufgezeichnet. Ansonsten habe ich die letzte Zeit in meinem geliebten Montpellier neben Masterarbeit-nicht-schreiben, etwas für die Schule planen, heiß haben, mit J. an den Strand gehen


ANPFIFF


vor allem eines gemacht. FUSSBALL SCHAUEN. Ich habe mir es ungelogen angewöhnt, zu Fußball einzuschlafen, J. hat einen Fernseher vor dem Bett und jeden Abend lief einfach die Glotze. So sehr ich jetzt drin bin, so sehr merke ich auch, dass ich voll kein Fußballgedächtnis habe. Ich vergesse viel zu schnell Spielstände etc. Ich glaube, dass das etwas Trainingssache ist. Sport schauen muss trainiert werden. Gleichzeitig bin ich aber voll im Drama drin und davon gibt es ja zur Genüge. Wir haben schon viel darüber geredet: nur weil man Fußball oder die WM feiert, heißt das nicht, dass man hinter der Fifa steht. Natürlich ist die Fifa ein Drecksverein. Wir leben im Kapitalismus und deswegen ist alles, was groß ist,


73. MINUTE (0-0) – (dazwischen haben wir noch gegessen)


ist mit Geld versaut und deswegen irgendwie sketchy. Deswegen Fußball grundsätzlich zu haten, ist irgendwie dumm. Fußball aus feministischen Gründen zu haten, ist peak white feminism. Und es gibt ja auch schöne Dinge, Macron und der französische Fußballverein, die sich für Mbappé gegen irgend so eine paraguayanische rassistische Regierungsratte aussprechen. Ich bin aber auch froh, dass Trumpskandal mit der roten Karte schon wieder passé ist. Trump ist wirklich schlimmer als ein 3-jähriges Kind: kaum spricht man mal 3 Tage nicht mehr nur von ihm, muss er irgendwas machen, um wieder ins Gespräch zu kommen. Um das Fußballthema noch abzuschließen: gestern habe ich von Olise und seiner Mutter geträumt. Sie waren an der Kasse eines Supermarkts.

Aber nochmals wegen dem Heimkommen: es war sehr emotional, viele verschiedene Empfindungen trafen in kürzester Zeit aufeinander: ich-hasse-Basel, ich-liebe-meine-Freunde, ich-werde-verletzt, Okay-Basel-ist-doch-okay, ich-will-wieder-gehen, der-Rhein-ist-schön etc.

Worte, die gerade gefallen sind: Goalis sind greenflags. (what do you think about this?)


Am Samstag waren wir ja noch alle an einer Hochzeit mit alten Pfadifreunden (und deinem Ex). Ich glaube, es war zu wenig ereignisreich, um tatsächlich ein Sitcom-Moment zu sein, wie du dir ihn erhofft hattest, aber ich fand es trotzdem schön, alle wieder einmal zu sehen und zu merken, wie erwachsen wir doch geworden sind.

Und gestern bin ich also schon mit E. auf den Zug um 7 Uhr morgens, um (ohne Verspätung!) durch ganz Deutschland zu tuckern. Es war so schön, wieder haben über Gott und die Welt geredet, die anderen Zugpassagiere genervt und voll feine Tacos vom 30. von E.’s Bruder gegessen. Gestern haben wir uns dann mit den anderen auf dem Boot und unter anderem A. zusammengefunden und uns in unserer Hype-Energy hochgeschaukelt. Hat gut getan, war sicherlich auch etwas überfordernd für die anderen, dafür aber auch unterhaltend. Heute hatte es sehr starken Wind, wir sind rund gesegelt, auf einer Strecke, für die wir 6 Stunden eingeplant hatten. Aber es war dafür umso abenteuerlicher, ich muss aber noch etwas ins Segel-Jargon reinkommen. Um circa 15 Uhr sind wir dann auf der schönen kleinen Insel Lyø gestrandet. Von hier aus sieht man viele gelbe Wiesen und kleine Klippen. (J. hat mich gerade aufgeklärt, dass er im Geokundeunterricht gelernt hatte, dass das Steilküste heißt). Hier ist niemand und man kann um die ganze Insel laufen, was wir dann nach einer Siesta auch gemacht haben. Es ist echt schön, aber auch echt kalt und in 18-gradigem Meer kann man einfach keinen Spaß haben. Nachher gehen wir aber gleich vor der Verlängerung des Spiels eine rauchen auf Deck. What a life. Zum Glück kann man auch im Süden segeln. Kategorien dann während der Nachspielzeit.


NACHSPIELZEIT


Zu viel Nervosität auf meiner Seite und sie beginnen zu spielen, wie bei Frankreich Paraguay, mit dem Unterschied, dass der Schiri kein Wixer ist.


PENALTYSCHIESSEN


Die Stresszigarette ist geraucht. Okay, Kategorien bevor es beginnt.


Etwas zum Lesen: Die französische Instaseite Kundini postet nach jedem WM-Spiel «Le grand n’importe quoi des réseaux sociaux» mit den besten Tweets zu den Spielen. Comedy Gold.

Etwas zum Hören: Diablo von Rosalía (momentanes Lieblingslied von A.)

Etwas zum Glotzen: DIESES SPIEL, gerade 1-1 im Penaltyschießen. 2-1 SCHWEIZ

Etwas zum Essen: Crispy-Tofu Tacos mit Avocado Crema und Mangosalsa. 10/10.

Wort der Woche: Coolication.


Scheiße, ich dachte gerade, dass der 3. Penalty von Kolumbien vom Schweizer Goalie gehalten war. FUCK, Gleichstand.


OOMMMGGG, es ist zu spannend. KOBEL HÄLT.

Okay, Vargas letzter Penalty, BITTE GIB UNS EIN 2021!!! WIR SIND IM VIERTELFINAAAAL!!!! GESCHICHTE KÖNNEN WIR SCHREIBEN!! JETZT KÖNNEN WIR ARGENTINIEN DIE WIXER RAUSSCHMEISSEN.


okay, last words. Ich sage dir, Manzambi muss wieder fit werden und dann ist alles möglich, ein Final Schweiz-Frankreich, du weißt, ich glaube daran. Peace out.


Alles Liebe

Vera


Wo ist unser Boot?
Wo ist unser Boot?

 

 

 

 

 
 
 

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