Liebe Vera
- vor 13 Stunden
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Ich wünsche mir gerade ein bisschen das BOBO-Leben, das du beschreibst. Obwohl ich das vermutlich nicht allzu lange aushalten würde, klingt es doch auch sehr romantisch, sehr instagramable. Und du weisst, wie schwach ich werde bei instagramable Zeugs! Bevor ich etwas anderes berichte: ich habe jetzt Franseln. Zum allerersten Mal in meinem Leben. Ich überlege mir das, seit ich mich vor eineinhalb Jahren getrennt habe. Aber ich wollte nicht, dass es eine »Ich habe mich gerade getrennt und kann nicht damit umgehen« oder eine »Ich habe keine Kontrolle über mein Leben und schneide mir deswegen die Haare« Entscheidung ist, daher habe ich bis jetzt gewartet. Jedenfalls sind sie jetzt meine neue Persönlichkeit, und sie helfen mit dem Selbstvertrauen. Ich fühle mich echt hot. So viel dazu.
Diese Woche war eine ziemliche Achterbahnfahrt. Ich arbeite gerade 80% (nur im Juni und im August). 40% bin ich im Marketing-Büro, 40% im Kühllager der Logistikfirma, in der mein Vater arbeitet. Dort arbeitet übrigens auch mein Bruder. Wir werden die Nepobaby-Allegations also nicht los. Der Switch ist etwas krass, aber irgendwie tut er auch gut. Im Logistiklager den ganzen Tag Magnum-Kartons mit Denner-Rabatt-Stickern zu bekleben ist zwar anstrengend, aber man sieht sehr krass, was man den ganzen Tag gemacht hat. 20 Paletten Ware vorzubereiten, die dann in die Supermärkte geliefert werden, ist etwas handfester als all die E-Mails, die sich in meinem Outlook-Konto ansammeln.
Weil ich mich noch etwas an den neuen Rhythmus gewöhnen muss (mittlerweile habe ich gecheckt, dass ich dafür wirklich die sieben bis acht Stunden Schlaf brauche), war ich etwas durcheinander. Routinen anpassen ist manchmal anstrengend, du weisst. Am Montag habe ich jeweils frei, da habe ich letzte Woche genau nichts gemacht, ausser mich schlecht gefühlt, weil ich nichts mache, dann geweint, weil ich nichts mache, dann vergessen zu atmen, weil ich nicht verstand, warum ich jetzt schon wieder so gestresst bin. Nicht meine beste Performance. Das mit dem Atmen passiert seit der ersten Panikattacke letzten Herbst mittlerweile leider etwas regelmässiger. So alle ein eineinhalb Monate vielleicht. Daran gewöhnt habe ich mich noch nicht, auch wenn ich weiss, wie ich das alles handeln muss. Plastiksäckli, zählen, danach jemanden anrufen und über etwas anderes, etwas leichteres reden. Am Mittwoch dann habe ich erfahren, dass ich die Marketing-Stelle nicht verlängern kann. Hatte ich angenommen, doch ich war trotzdem enttäuscht. Dann Donnerstag und Freitag eben das 5°C Grad Kühllager, abends ziemlich kaputt sein, aber auch etwas geerdeter, weil nicht alles so abstrakt war den ganzen Tag, weil sich mein Kopf zusammen mit den Glace-Packungen sortiert hat. Das Wochenende danach dann wieder mega, mega schön.
Am Samstag war ich zum ersten Mal auf einer Hochzeit einer Freundin. Nächsten Monat übrigens gleich nochmal, sie fängt also langsam an, diese Heiraterei. Eine Freundin aus der Uni hat geheiratet. (Omg, ich habe einfach Freundinnen in der Uni, das Konzept war mir im Bachelor so fremd, dass ich der 20-jährigen Misch manchmal gerne sagen würde, dass es schon noch einfacher wird, Leute zu finden, keine Sorge.) Meine Mitbewohnerin und ich waren beide da und als grosse New Girl Fan fühlte es sich etwas Sitcom-mässig an, wie wir uns morgens so gemeinsam bereitmachten, zusammen glitzrigen Lidschatten auftrugen, ich P. die Träger ihres Kleides zusammenbinden musste, und sie mir mehrmals versicherte, dass meine Zapfenlocken nicht frizzy oder messy aussehen, sondern echt gut. Ich gehe nicht zu doll ins Detail, aber der Tag war echt wunderbar, und ich habe mich so sehr für L. und M. gefreut, dass ich es nicht so recht in Worte fassen will gerade. Ich habe jedenfalls etwa drei Mal geweint, weil es so schön war, und ich so gerührt war, und alle so gut aussahen und so herziges Zeugs sagten. Ich freue mich auf alle Hochzeiten, die noch kommen werden – ich bin halt eine Softie, was kann ich sagen. Ausserdem: zwei Stunden lang barfuss zu ABBA und 80er-Musik zu tanzen in einem stickigen Raum, in dem alle so schön angezogen sind und so gutes Make-Up haben, hat sich gleichzeitig so erwachsen und auch wie eine intensive Abschlussdisco im Lager früher angefühlt. Auf die beste Art eben. Mit der Braut über Taschen im Hochzeitskleid und ihre Schuhe zu kreischen ebenfalls, mit Leuten, die man nicht kennt über das Paar zu reden auch. Nur positive Vibes den ganzen Tag, wirklich. Ah, und ausserdem habe ich eine 7.5 dl Flasche Bier beim Bierdeckel-Ratespiel gewonnen. Yay! L.s Kommentar dazu: »Du Siech!«
Was auch noch passiert ist: ich habe einen Brief von der 15-jährigen Misch bekommen. Den mussten wir als Herbstlager-Aufgabe in der ersten Klasse im Gymi schreiben – also einen Brief an uns selbst in 10 Jahren. Er ist datiert auf den 29. Oktober 2015. Unser alter Klassenlehrer hat die Briefe jetzt tatsächlich verschickt, und obwohl es zum Teil unglaublich peinlich war, war es auch echt herzig. Ich weiss nicht genau, ob ich von mir reden soll oder von ihr. Aber ich glaube, ich fühle mich genügend weit entfernt von der 15-jährigen Misch, dass ich von ihr reden werde. Namen wurden übrigens Blog-konform abgekürzt. Hier also ein paar Highlights:
»Wohrschindli hett mis Mami de Brief müsse witerleite, will ich nümmi dihei wohn. Aso wenigschtens hoff ich das. Ich zell eigentlich scho uf d WG, abr villicht wohn ich jo mit mim Fründ odr mire Fründin zämme odr eif mit de L. S letschte isch s wohrschindlichschte.«
Ich war damals schon sehr obsessed von der Idee, einmal mit meinen Freundinnen in einer WG zu wohnen. Vielleicht habe ich mich deswegen auch nie in einer zusammengewürfelten Konstellation gesehen mit Leuten, die ich nicht vorher schon kannte. Und obwohl L. und ich nie zusammengewohnt haben, bin ich doch immer noch sehr eng mit ihr befreundet, also würde ich trotzdem sagen, dass ich das halb erreicht habe. Ausserdem wohne ich mit P. zusammen und bin so eng mit ihr, wie wohl noch nie. Die lernte ich übrigens in eben dieser Gymiklasse kennen, mit der wir den Brief schrieben. Nur fanden wir uns erst im zweiten Semester der ersten Klasse wirklich.
»Ich hoff au, dass ich scho mol Sex gha han. […] ich würd scho gärn mol…«
Sie war auch sehr obsessed mit Sex. Check. Sie kann beruhigt sein.
»Jo, uf all Fäll hoff ich eigentlich au, dass ich scho an villne Konzärt und Festival gsi bin und immr no so tolli Musig loos wie jetzt. Okay, ich finds allwe sowieso guet, wenn ich s jetzt loos. Abr bitte, bitte loos immr no Fall Out Boy! Süscht gang sofort bizeli go loose.«
Ja, ich war an vielen Konzerten und Festivals. Check. Wild, Fall Out Boy spezifisch so hervorzuheben. Aber ich höre sie ab und zu immer noch. Ein paar Lieder sind sogar auf meiner Jogg-Playlist. Check zum Dritten, I guess.
»Ich schmöck scho bis 10 Joor zrugg, dass du mich/dich es Opfer findsch, abr ich bi am Supernatural luege. Ich hoff scho, dass es no paar Staffle meh git. Villicht laufts jo bi dir/mir au no. […] Bin ich/du immr no Fan vom Misha Collins? Gits de eigentlich no? Er isch so toll.«
Ich finde sie kein Opfer. Ein bisschen peinlich war sie schon. Aber sie hat das gerockt. Fan sein von Dingen war ihre Identität. Oder jedenfalls ein sehr grosser Teil davon. Finde ich voll okay. Sie wäre schockiert darüber, dass ich die Serie schlussendlich gar nie fertiggeschaut habe. Und auch wenn sie das damals anders sah, finde ich mittlerweile: 15 Staffeln sind zu viel.
»Ich hoff iwie so deep down, dass ich in England bin, wenn ich de Brief liis. Es gluschtet mich scho mega. Vor allem London. Ich hoff echt, dass ich mol in London wohn/gwohnt han.«
Das ist ein bisschen crazy. Ich habe ehrlich gesagt vergessen, wie lange es her ist, seit sich dieser Gedanke festgesetzt hat. Denn wenn ich ganz utopisch denke, träume ich mich immer noch in ein Praktikum in London oder, wenn ich ganz übermütig werde, eine Schreibresidenz in der Stadt hinein. Auch wenn ich mir das meistens nicht so ganz eingestehe.
»Ich nerv dich jetzt mit mine Teeny-Problems:
Ich has uf P.
Nur mini BFF (L.) weiss es.
Ich bin z vill uf tumblr.
Ich han morn e Gschichtstescht und ha no nüt glernt (hüt kei Zit).
Do chasch du jetzt 4 vo dine Problem ufschriibe:
Wuhuu mir hend eif in eusem ganze Läbe Problem. Voll normal.«
Sie war so deep, omg. Sie verstand schon damals auf einer rationalen Ebene (emotional überhaupt nicht, trust me), dass solche Probleme oft Momentaufnahmen sind. Natürlich schaffte sie es nicht, dass auch wirklich ganz umzusetzen, schaffe ich auch immer noch nicht, aber der Grundgedanke war da. Das ist irgendwie cool. Und ja, P. ist meine jetzige Mitbewohnerin. Wild, wie das manchmal läuft.
Nach diesem Absatz folgen zwei Seiten darüber, dass sie in P. verliebt ist. Das hat sie damals ziemlich doll verwirrt. Sie suchte nach Labels, schrieb darüber, wie sie es L. anvertraute in einer Mittagspause und hoffte, dass L. es niemandem erzählen würde. Sie überlegte, wie sie es allen anderen erzählen sollte. Ich denke daran, wie sie zwei Monate nach Schreiben dieses Briefes an ihrem 16. Geburtstag im Massenlager bei M. und L. im Wohnzimmer in die Nacht hinein flüsterte »Ich glaub, ich bin bi«, und ihre Hände dabei im Schlafsack zitterten, die Tränen in ihrer Kehle brannten. Ich habe vergessen, wie doll sie das alles stresste damals, wie oft sie abends weinte deswegen, wie intensiv dieses Nicht-Erzählen für sie war, weil sie schon damals alles immer sofort mit ihren Freund*innen teilen musste, weil nichts schlimmer war, als Dinge in sich hineinzufressen. Egal ob positiv oder negativ. Auch wenn ich das heute vielleicht nicht mehr so schwer gewichten würde. Weil ich weiss, dass ich mich meistens in Männer verliebe, aber eben ab und zu auch in andere. Sie konnte das damals noch nicht so gelassen nehmen.
Ich habe wirklich vergessen, wie schwer das auf ihr wog. Und auch wenn ich kurz Mitleid mit dieser jüngeren Misch hatte, mein Herz etwas schmerzte für sie, fand ich es irgendwie auch beruhigend. Zu wissen, dass es sie damals so vereinnahmte, dass sie so mit dem haderte, und ich das nicht einmal mehr wirklich präsent hatte. Das ist das beste Beispiel dafür, dass solche Dinge wirklich oft nicht so krass sind, wie sie sich im Moment anfühlen. Dass es wirklich besser wird. Dass Zeit hilft. Dass Gespräche helfen und Freund*innen und ganz viel anderes auch.
»Jo uf all Fäll bin ich jetzt (aso in 10 Joor) sicher studiert und ich hoff Englisch und Dütsch. Villicht au öbbis andersch, abr das weissi jtz halt nonig. Wenn, denn ischs sicher au okay, will ich das jo denn au gern mach.«
Sie war echt klug. Und hatte anscheinend echtes Vertrauen in mich. Ich bin zwar schon studiert, studiere aber immer noch. Tatsächlich Englisch und Deutsch. Wer hätte das gedacht?
»Ich hoff, dass ich scho mol e richtige/i Fründ/in gha han, will iwie ghörts scho dezue. Villicht bin ich jo immr no mit öbberem zämme. Und wenn du/ich s Gfühl hesch er/sie isch der/die Richtig, denn «Congratulations!». Aber villicht bisch au (wieder) single. Egal eigentlich. Ich bin stolz uf dich/mich.«
Sorry, das ist so kitschig von mir, aber von der 15-jährigen Misch zu hören, «Ich bin stolz uf dich/mich» tat auf eine ganz unerwartete Weise unglaublich gut. Sie wusste nicht, was kommt, hatte trotzdem ganz genaue Vorstellungen, aber hatte offenbar genügend Vertrauen in sich/mich, um diesen Satz aufzuschreiben. Auch wenn nicht alles ganz so verlaufen ist, wie sie sich das damals vorgestellt hat, bin ich doch ganz schön zufrieden mit allem.
Nun noch die Kategorien:
Etwas zum Essen: Hochzeitstorte.
Etwas zum Glotzen: WM-Highlights. Ich bin anscheinend doch nicht so gute Fussball-Fan, denn Timing-mässig habe ich es noch nicht geschafft, einen ganzen Match zu schauen. Aber die Highlights werden morgens jeweils nachgeschaut, keine Sorge.
Etwas zum Hören: Ich mag ABBA ja eigentlich nicht. Ich hatte in der Primar ein ABBA-Notenheft für die Blockflöte und habe so viel gespielt, dass sie mir verleideten. Aber mit anderen dazu zu tanzen (siehe oben), die Lyrics von »Mamma Mia« und »Gimme! Gimme! Gimme!« bis zur Heiserkeit zu schreien, ohne wirklich daran zu denken, dass man nicht tanzen kann, tut sehr gut.
Etwas zum Lesen: Ins Kühllager fahre ich eine Stunde Zug, und ich habe mir fest vorgenommen, die Stunde mit Lesen zu verbringen statt mit Screentime. Ich merkte aber schnell, dass ich nach dem Arbeiten nicht mehr Kapazität habe für anstrengendes Zeugs. Darum habe ich diese Woche »Book Lovers« von Emily Henry noch einmal gelesen. Habe ich schon einmal empfohlen, aber ich mache es noch einmal. Ich liebe das Buch.
Ausdruck der Woche: Gegenstoss-Training.
Und nun, um diesen sentimentalen Brief in den Worten der 15-jährigen Misch abzuschliessen: »Love yourself, be yourself and live the life you’ve always dreamed of.« Was für eine Poetin.
Alles Liebe
Michelle




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