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Liebe Vera

  • 20. Dez. 2025
  • 7 Min. Lesezeit

So, ich schaffe es auch noch. Du hast mich komplett exposed mit den Screenshots aus unserem Chat, und jetzt bin ich auch zu spät. Aber tant pis. Der Zeitplan existiert schon lange nicht mehr, und ich hatte Prüfungen diese Woche. Gute Ausrede, finde ich. Eine habe ich bestanden (nur Liebe für Dozierende, die Prüfungen so schnell korrigieren!), die andere bekomme ich erst im Januar zurück, aber ich habe ein gutes Gefühl.

Wichtiges, was ich deponieren muss: Die Barfussbalkonstunden zahlen sich immer aus. Die Kälte dringt dann durch die Fusssohlen und setzt sich sofort im ganzen Körper fest, erinnert mich daran, dass diese Körper, die wir haben, ziemlich verrückte Konstrukte sind. Ich weiss nicht, wie es dir geht, aber barfuss auf dem Balkon lässt sich vielleicht am einfachsten Atmen.


Bezüglich des Verlorengehens von Dateien verstehe ich dich leider nur zu gut. Trotz des ausführlichen IKT-Unterrichts in der Sek und meinen (eigentlich sehr passablen) Digital Skills, ist mir das im Gymi wirklich auch regelmässig passiert. Einmal hatte ich alle wichtigen Dateien nur auf einem USB-Stick abgespeichert. Nicht einmal auf meinem Laptop oder so, what the fuck? Weihnachten 2017 schlich ich mich dann zwischen dem Apéro und dem Abendessen ein bisschen angesäuselt von der Familie davon, um einige Geistesblitze für mein Romanprojekt aufzuschreiben. Mein vom Alkohol beeinflusstes 18-jähriges Ich schaffte es aber leider, besagten wichtigen USB-Stick zu verbiegen während des Einsteckens. Meine 30 geschriebenen Kapitel waren futsch und M.s und meine Projektarbeit, die wir nach den Ferien abgeben musste, ebenfalls. Das waren vielleicht meine stressigsten Weihnachtsferien bis jetzt.  Denn die Pra war zwar schlimm, aber diese 30 Kapitel, an denen ich damals schon 2 Jahre sass, waren natürlich schlimmer. Ich Idiotin hatte das tatsächlich nirgends sonst abgespeichert. Ich schrieb immer noch ab und zu an der Geschichte, aber nachdem so viel verloren war, hatte ich irgendwie keine Motivation mehr. Einige Jahre später erst, so Mitte oder Ende Bachelorstudium, wachte ich ungelogen mitten in der Nacht auf und erinnerte mich daran, dass ich dir das Dokument mal geschickt hatte.  Wie im Film. Ich fand den Entwurf tatsächlich in einer alten Mail wieder. Die meisten Teile fand ich unglaublich cringe und sehr pubertär, aber die zugrundeliegende Geschichte packte mich wieder. Und jetzt schreibe ich immer noch daran. Letztens fiel mir auf, dass ich seit zehn Jahren an diesem Roman sitze, seit zehn Jahren Zeit mit diesen Figuren verbringe. Ich glaube, wenn das Buch fertig ist, muss ich etwas drastisches Tun. Mir endlich ein Tattoo stechen oder so.


Was ich auch noch gerne deponieren möchte: fühl dich nicht verpflichtet, dich verletzlich zu machen. Du kannst schreiben, was du willst. Du darfst mich gerne auch anlügen. Vor allem zu Übertreibungen rate ich dir ungemein, das macht die meisten Geschichten besser. Immerhin sind das immer noch literarisierte Texte. Leb dich aus, wie du das möchtest. Ist ja schliesslich (achtung mein Hasswort, das aber leider halt passt) Autofiktion. Da darf man die Fiktion auch ab und zu betonen.

 

Dann zu den letzten zwei Wochen. Ja, ich hatte Geburtstag und es war wunderbar. Alles, was ich mir erhofft habe. Nur hat Newcastle leider 2:2 gemacht an diesem Abend, obwohl mein Bruder, in einem Tonus, als wäre er fünf Jahre alt, Nick Woltemade auf Instagram geschrieben hat:  "Hallo kannst du heute bitte ein Tor schiessen. Meine Schwester ist riesen Newcastlefan und hat heute Geburtstag. Grüsse🙏". Woltemade hat die Nachricht nicht angeschaut, hat auch kein Tor gemacht. Naja. Aber sonst war der Tag gut. Auch die Party am Freitag war gut. Sissach-Ausgang mit allen, die sonst haten. Alle haben zugegeben, dass sie es nun verstehen können, warum wir so oft dort sind. Das ist alles, was ich wollte. Ansonsten war die Woche eine ziemliche Wellenbewegung. Starker Seegang, sag ich dir. Ich wurde ziemlich durchgeschüttelt von all diesen verschiedenen Emotionen, werde immer noch je nach Uhrzeit oder Tagesform wo anders an Land gespült. Trotzdem waren es auch eine Woche, in der ich wieder einmal sehr aktiv gespürt habe, was ich an all meinen Freund*innen habe. Wie schön es ist, dass sich alle so sehr auf meinen Geburi-Hype einlassen können, obwohl sie selbst nicht gerne feiern. Darum Umarmungen an alle, die gemeint sind und das lesen.

Eine grosse Veränderung hat mein Geburtstag ausserdem mit sich gebracht: Von Mama habe ich rosa (!!!) Noise Cancelling Kopfhörer bekommen. Ich dachte immer, das brauche ich nicht unbedingt, aber sie sind wirklich ein absoluter Gamechanger. Ich trage sie momentan die ganze Zeit. Ich höre ja sowieso praktisch immer Musik, um das Gedröhne in meinem Kopf etwas auszugleichen, aber gerade hat es ein neues Ausmass angenommen. Meine alten Airpods, deren Laufzeit nur noch bei ca. 15 Minuten liegt, habe ich also ausrangiert. Trotzdem habe ich immer diese Essays, die ich vor einer Weile gelesen habe, im Hinterkopf, in denen argumentiert wird, dass zu viele Leute sich so zu doll abschotten. Daher versuche ich, im ÖV oder in der Stadt das Noise Cancelling nicht zu benutzen, um nicht ganz so abgebrüht zu werden. Denn auch wenn es manchmal anstrengend ist, wenn eine alte Frau im Bus über mein Stricken reden will, wenn sie sich neben mich setzt (geschieht wirklich regelmässig, sag ich dir), sind es dann doch meistens ziemlich herzige Austausche. Ausserdem will ich nicht eine Person werden, die sich bei lauten Gesprächen oder Kindergeschrei im ÖV nervt. Sich über solche Dinge aufzuregen, kostet echt nur unnötige Energie.  Ich versuche also Noise Cancelling im Rahmen zu halten, aus Angst vor Abstumpfung. Ich halte dich auf dem Laufenden.


Weitere Dinge, die mich sonst noch gerade beschäftigen:


  • Ich werde mein Ziel, dieses Jahr 80 Bücher zu lesen, ziemlich sicher nicht erreichen. Momentan bin ich bei 51. Ganze 11 habe ich aber noch angefangen. Ich versuche jetzt einfach, diese 11 noch fertigzulesen. Sollte eigentlich machbar sein, wenn ich etwas konsequenter lese. Und ich bin weniger auf TikTok, was mit meinem sowieso konstanten Gefühlswirrwarr vielleicht auch besser ist.

  • Ich übe seit zwei Wochen den Charleston (es ist keine Prüfungsphase, wenn ich mir nicht einen unnötigen Skill beizubringen versuche). Du kannst dir nicht vorstellen, wie unglaublich schlecht meine Tanz-Skills sind. Also wirklich horrend. Ich habe eigentlich ein passables Rhythmusgefühl, aber mein Körpergefühl ist echt grottig. Ich übe jetzt ungelogen seit elf Tagen nur den Basisschritt. Ich habe bestimmt schon hundert Videos dazu geschaut, aber irgendwie habe ich die Koordination dazu nicht. Aber ich versuche weiter. Ich lasse die Storen runter, wenn ich übe, weil es mir sonst zu peinlich ist. Die Chance, dass wer im Hinterhof mich sehen könnte, ist zu gross.

  • Was ich auch gerade übe, ist Latteart (siehe Klammerbemerkung oben). Und obwohl mein einziges Ziel ist, ein Herz zu schaffen, weil es in den Videos wirklich so fucking einfach aussieht, hab ich es noch nicht hinbekommen. Der Kreis, den ich jeweils schaffe, hatte gestern aber wenigstens irgendwo einen random Spitz. I'm getting there!

  • Universitäre Angelegenheiten: P. und ich hatten dieses Semester zum ersten Mal eine Prüfung zusammen. Und dann noch in der Latein-Vorlesung, die wir beide im Wahlbereich just for fun genommen haben. Ich fühlte mich etwas ans Gymi zurückversetzt, in unsere Lati-Stunden, wo wir häufig nebeneinandersassen während Tests, wo ich meistens auf ihr oder M.s Blatt rüberschielte. 

  • Ausserdem habe ich "Ulysses" von James Joyce endlich fertiggelesen. Was eine Errungenschaft, wirklich! Ich glaube, ich war noch nie so stolz, als ich ein Buch beendet habe. P. und ich wollen irgendwann noch gebührend darauf anstossen.

 

Nun zu deiner Frage, vor der ich mich eigentlich zuerst drücken wollte. Wir stellen uns genügend oft Fragen in diesen Briefen, die wir dann einfach ignorieren. Vielleicht wäre es also gar nicht aufgefallen. Aber du hast mich gefragt, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Seit ich wieder single bin (ja, die Alte erwähnt schon wieder ihre Trennung, ich weiss, langsam ist das ausgelutscht), habe ich mir solche Fragen nicht mehr so gestellt. Bin ihnen auch ein wenig aus dem Weg gegangen. Denn vorher war ich in einer fünfjährigen Beziehung. Da tauchen dann schnell Vorstellungen von Hochzeiten und Zusammenziehen und so auf. Für mich selbst hab ich das gar nicht so konkret überlegt. Ich will mich, ehrlich gesagt auch nicht zu doll in die Frage hineingeben. Denn gerade passiert so viel, ich studiere noch, wechsle gefühlt ständig den Job (dieses Mal hoffentlich nicht, drück mir die Daumen für eine Verlängerung) und alles verändert sich fortwährend. Ich will gar keinen konkreten Plan machen. Darum spontane Dinge, von denen ich hoffe, dass sie in den nächsten fünf Jahren geschehen:  

  • Ich schliesse meinen Master ab.

  • Ich verdiene genügend Geld, um im Ausgang wieder Runden zu zahlen, in einem Job, den ich gerne mache (idealerweise Verlagsbranche).

  • Ich verliere mich nicht mehr so sehr in meinen Gedanken.

  • Ich habe immer noch konstante, intensive Freund*innenschaften.

  • Ich schreibe meinen scheiss Roman endlich fertig.

Viel mehr in die Tiefe gehe ich jetzt nicht, entschuldige. Zum Schluss noch meine Empfehlungen:


Etwas zum Lesen: Ich bin am dritten Band der Assistant to the Villain Reihe von Hannah Nicole Maeher. Sie hat vor ein paar Jahren damit angefangen, Comedy-Skits auf TikTok zu posten, in denen sie so tat, als sei sie die Assistentin eines Märchen-/Fantasy-Bösewichts. Daraus hat sie dann Romane geschrieben. Sehr iconic. Ich hab noch nie ein Buch gelesen, das sich anfühlt wie eine Sitcom, aber genau das tut es. Es gibt eine Liebesgeschichte und völlig überspitzte, überdrehte Dialoge, die immer ein bisschen cringe aber auch immer mega lustig sind (ich lache laut beim Lesen, das geschieht nicht so oft). Alle Figuren sind unglaublich schlagfertig und hot. Die Reihe macht einfach nur Spass zum Lesen. Den zweiten Band habe ich um 2.15 Uhr morgens fertiggelesen. Wenn mich ein Buch so packt, dass ich es bis mitten in der Nacht nicht weglegen kann, dann muss ich es einfach weiterempfehlen.


Etwas zum Hören: Homesick von Noah Kahan. Das höre ich gerade rauf und runter und es ist so wunderbar traurig auf eine Art, die guttut.


Etwas zum Glotzen: Ich wollte Stranger Things 5 empfehlen, weil ich es schon 2x geschaut habe und mir täglich TikTok-Edits davon reinziehe, aber du warst schneller. Trotzdem kurz: wirklich absoluter Banger! Ich bin mega hype auf die letzten paar Folgen, ehrlich. Das Ende der vierten Folge??? Iconic! Aber zu meinem eigentlichen Tipp: Percy Jackson! Die zweite Staffel erscheint grad im wöchentlichen Abstand (danke, das ist so viel besser, als alle Folgen auf einmal zu bekommen!) auf Disney Plus. So ein Banger, sag ich dir. Es ist echt so schön, wie gut sie diese Leichtigkeit und den Humor, welche die Bücher so sehr ausmachen, treffen. Meine Lieblingsszene bisher: "Did you watch Jaws?"


Etwas zum Essen: Veganes Shortbread, das ich letzte Woche gebacken habe. Ich habe etwas übertrieben mit den Guetzli und habe noch sehr viel übrig (7 Sorten). Wer also noch Guetzli holen möchte, darf sich gerne bei mir melden.


Ausdruck der Woche: Institution (um das gings in meiner einen Prüfung und das Wort musste ich ca. 1000x in meinem Aufsatz schreiben)


So, und jetzt zünd deinen Adventskranz an, lagere dein Bein schön hoch und iss ganz viele von deinen selbstgebackenen Keksen. Das hilft bestimmt alles. Ich freue mich aufs Singen am Sonntag.


Alles Liebe

Michelle



Ich habe kein Bild von mir diese Woche, darum Nick Woltemade nach seinem Eigentor gegen Sunderland. Ich hab fast geweint.
Ich habe kein Bild von mir diese Woche, darum Nick Woltemade nach seinem Eigentor gegen Sunderland. Ich hab fast geweint.

 
 
 

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