Liebe Vera
- vor 16 Stunden
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Danke für deine Aufrichtigkeit im letzten Brief. Ich weiss gut, was du meinst, mit dem »allem nicht gerecht werden« in diesen Texten. Müssen wir auch nicht. Jetzt liefern wir uns einfach ein Wettrennen und schauen, wer zuerst den Break-Up-Roman beendet :P
Ich schreibe gerade immer noch am Gegenteil davon. Meine Liebesgeschichte, an der ich seit acht Wochen arbeite, ist bereits über 100 Word Seiten lang und ich bin sehr im Flow. Alle meine anderen Figuren (v.a. die Zauber*innen) vergesse ich gerade ein bisschen. Aber die habe ich dafür Ende letztes Jahr an ein paar Leute geschickt und warte noch auf Feedback (hint, hint an alle Angesprochenen). Jedenfalls passt das kitschige Schreiben gerade sehr gut zum Wetter, ich kann mich mit P. darüber austauschen, welche Tropes wir besonders mögen (bei mir sind das Fake-Relationship und »Reiche Leute haben auch Probleme«), und ich versuche, das alles nicht so peinlich zu finden, wie ich es reflexartig tue. Denn Liebesgeschichten schreiben machen halt irgendwie alle Schreibenden. Das ist vielleicht der most basic Instinkt, den man als Autor*in überhaupt haben kann. Schau dir Goethe an.
Ich weiss, ich weiss, ich sollte vermutlich nicht schon wieder von Goethe schreiben. Das interessiert keine*n. Aber heute hatte ich die zweite Sitzung meiner bereits angekündigten Goethe-Vorlesung, und ich muss kurz. Wir sind erst in seinen jungen Jahren, seiner Studienzeit in Leipzig, seiner Heimkehr ohne Abschluss, weil er krank wurde. (Was genau er hatte, ist nicht ganz sicher, überall wird nur von einem »Blutsturz« geredet. Einige vermuten Tuberkulose, andere sagen ein Magengeschwür wegen psychischem Stress und zu hohem Alkoholkonsum. #Studilife I guess.) Er war danach mehrere Monate out, verliess sein Elternhaus nicht, verstarb fast an was auch immer er hatte. »Stellt euch vor«, meinte unser Dozent. »Goethe wäre früh gestorben und alles, was wir von ihm hätten, wären diese sehr mittelmässigen Liebesgedichte aus seiner Studienzeit.« Sie sind tatsächlich ziemlich mittelmässig, aber es ist immer irgendwie spannend, Texte aus jungen Jahren zu lesen von Autor*innen, die später so krasse Dinge geschrieben haben. Darauf wollte ich aber eigentlich gar nicht hinaus.
Was mich vor allem abholte, war, dass unser Dozent diese pubertären Texte als genau solche bezeichnete. »Sie waren in ihren Jugendjahren sicher alle schon in eine Person verliebt, mit der sie kaum gesprochen haben. Mit der sie eine ganze Beziehung im Kopf führten, weil sie sich so sehr in ihre Ideen und Gefühle reinsteigerten. Ich weiss noch zu gut, wie es sich anfühlte, wenn eine Person, die einen gar nicht wirklich kannte, einem das Herz brach. Goethe hat das auf Papier gemacht.« Ein paar im Vorlesungssaal schüttelten grinsend ihre Köpfe, andere (ich) nickten lächelnd. Seither denke ich den ganzen Tag schon an meine Gedichte, die ich mit sechzehn über Leute geschrieben habe, mit denen ich kein einziges Mal gesprochen habe. Die als »mittelmässig« zu beschreiben wäre sehr übertrieben. Ich würde eher Worte wie peinlich, klischiert oder naiv benutzen. Ausserdem ist an mir wirklich keine Dichterin verloren gegangen, meine Gedichte waren noch nie gut. In mir zieht sich alles zusammen, wenn ich die Texte heute ab und zu wieder lese. Aber irgendwie ist es auch ganz schön süss, habe ich diese intensiven Emotionen irgendwie festgehalten.
Natürlich will ich mich nicht mit Goethe vergleichen. Aber nach einem (nach meinem Geschmack etwas zu elitären) Exkurs des Dozenten darüber, wie sich die allgemeinen Schreibfähigkeiten immer mehr verschlechtern, wie sehr sich das Denken verschiebt, wenn es nicht mehr schriftlich getan wird, habe ich mich doch etwas mit Goethe verglichen. Irgendwie war es etwas beruhigend, Beweise zu haben, Gedichte zu lesen, die zeigen, dass sogar Autor*innen wie der liebe Johann Wolfgang einmal einfach schlechte (oder zumindest nicht gute) Liebesgedichte in seine Hefte gekritzelt hat. Wenn eine von uns irgendwann ihren grossen Roman veröffentlicht, wenn du den Nobelpreis gewinnst oder ich im ausverkauften Volkshaus lese (dream big, oder?), dann bezeichnen wir diese Briefe vielleicht auch als mittelmässig. Wir werden sehen. Zuerst versuche ich, Nora und Wills Geschichte zu beenden. Und natürlich Danys und Zeros. Und all die anderen, die noch auf meinem Laptop herumschwirren.
Hier in Basel war ausserdem Fasnacht – und was für eine. Das Wetter hat wirklich absolut mitgemacht dieses Jahr. Ich war sonntags wieder an der Dorffasnacht auf dem Land. Wir waren sogar verkleidet, haben eine Woche vorher Fernseher und Haarreifen für unsere Teletubbies Kostüme gebastelt. Banger, sag ich dir. Die Haarreifen mit den aufmontierten Formen sorgten bloss für etwas Kopfschmerzen. Die Druckstellen hinter den Ohren erinnerten mich an Spängeli und Accessoires, die einem als Kind an Weihnachten oder Geburtstagen angepinnt wurden. Das Wetter war gut, wir hatten 75 Klopfer Shots dabei, wir waren eine gute Gruppe. Ich habe vorher gerade den Text vom letzten Jahr gelesen und der Tag ist ziemlich ähnlich verlaufen wie letztes Jahr. Aber war sehr gut. Einzig die Personenbeschränkungen in den Cliquenkeller gaben mir etwas ungute Corona-Vibes. Natürlich gab es gute Gründe für all die Sorgfalt und Vorsicht, komisch hat es sich trotzdem angefühlt.
Am Mittwoch war ich dann noch kurz mit Mama am Cortège in der Stadt. Das Wetter stimmte, ich trug nur einen Hoodie, auf dem Weg in die Stadt machte ich übertrieben viele Bilder von den Blumen auf den unterschiedlichen Grünflächen. Mama und ich hatten Mühe, die »baseldyytsche Ladäärneväärs« zu lesen, aber sonst war es wirklich sehr schön. Du weisst, ich liebe einfach Grossanlässe. Viele Menschen, laute Musik, generell Lärm. Beste!
Ich war diese letzten beiden Wochen allgemein sehr gutgelaunt. Bin es immer noch. So sehr, dass es ab und zu fast ins Überemotionale kippt, und ich gerade etwas kitschig unterwegs bin. Vor etwa genau einem Jahr hatte ich mental ein ziemliches Low. Ich weinte viel, mir ging es nicht so gut, ich kam aus einer Trennung, wusste nicht so recht wohin mit mir. Vielleicht ist es dieser Kontrast, den ich gerade auch spüre, vielleicht ist es einfach die Frühlingssonne. Gerade fühle ich mich wirklich wie ein Solarpanel. Natürlich ist nicht alles nur gut. Aber ich schaffe es, mich zu regulieren. Ich verstehe besser, was ich brauche. Ich bin sehr dankbar für sehr vieles. Hier also wieder einmal eine Liste von zehn Dingen, die mir gerade viel geben:
Dass ich mir Zeit zum Stricken nehmen kann.
Mein E-Reader.
All die Podcasts, die ich täglich höre.
Meine Anstellung, die befristet bis Ende März war, wurde auf Ende August verlängert. Ich bleibe noch ein bisschen länger ein Marketing-Girly.
Fussball schauen. Ich kann kaum warten, bis ich endlich wieder Stop and Go machen kann und mit B. tschutten kann! Ich freue mich natürlich mehr darauf, wieder Handball zu spielen, aber dieses Wetter ist zum tschutten gemacht.
Ich habe seit neun Tagen nicht geraucht und langsam wird es einfacher.
Paulaner Spezi Zero.
Velo fahren. Jeden März merke ich wieder aufs Neue, wie gerne ich Velo fahre. Im Winter vergesse ich das manchmal. Durch die Stadt düsen macht so viel Spass, echt! Momentan ist es aber noch etwas gefährlich, da dank der Fasnacht noch ganz schön viele Scherben auf den Strassen verteilt sind. Gefühlt immer auf den Velostreifen.
Spazieren. Dank meinem Bänderriss vor ein paar Wochen bin ich vom Joggen darauf umgestiegen. Langsam erhöhe ich das Tempo aber wieder.
Ich wiederhole mich so oft, ich weiss. Aber alle Leute, die mich so umgeben. Die meinem aufgeregten Geschwätz über belangloses Zeug zuhören, die sich mir anvertrauen, mit denen ich lachen und schreien und übertreiben kann.
Ein kürzerer Brief. Aber ist vielleicht auch besser, denn ich bin wieder einmal daran, meine Bildschirmzeit in Grenzen zu halten. Zumindest versuche ich es. Unter zwei Stunden ist das tägliche Ziel. Ich schaffe es so an 3 von 7 Tagen. Ziemlich schlecht. Bei diesem Wetter ist es etwas einfacher. Zum Abschluss noch die Kategorien.
Etwas zum Lesen: Dieser Substack: Dakota Warren | Substack
Warrens Texte sind so gut! Ich mag vor allem ihre längeren, fast schon Bewusstseinsstrom-mässigen »FIELD NOTES«. Aber ihr letzter Kurzer Substack Post war: »Having fun with my friends. Felt inclined to make a substack note. It's nice to be alive most of the time.« Fand ich schön.
Etwas zum Hören: Lush Life von Zara Larsson. Ich will den TikTok Tanz dazu üben.
Etwas zum Glotzen: About Time. Hab ich endlich geschaut. Ich hatte etwas hohe Erwartungen, weil alle immer von dem Film schwärmen. Die hat er nicht ganz getroffen. Aber der Film war echt gut. Ich musste weinen. Ich mag Domhnall Gleeson.
Etwas zum Essen/Trinken: Klopfer. Hatten wir en masse an der Fasnacht. Sind echt nicht so geil, aber sie unterstreichen den Fasnachts-Vibe sehr gut.
Ausdruck der Woche: Ich weite das wieder einmal aus. Es gibt so ein paar Songzeilen, die bei mir einfach einen Spot hitten, ohne dass ich genau beschreiben kann, warum. Einer ist zum Beispiel »Closest thing to Michelle Pfeiffer that you've ever seen« (Vance Joy). Ich weiss nicht, was es genau ist, aber diese Zeile finde ich so gut! Eine andere ist »Take me to your best friend's house« (Grouplove). Ich gebe dir diese Woche also beide mit ins Gepäck. Gute Songzeilen kann man nie genug haben.
Ich freue mich auf die verpassten Spaziergänge, die wir diese Woche nachholen können, weil du in Basel bist! Hype! Ich freue mich. Heb der Sorg <3
Alles Liebe
Michelle




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