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Liebe Vera

  • vor 7 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Dienstag, 17. März 2026

Ich schreibe diesen Brief mit manikürten Nägeln, auf die ich ziemlich stolz bin, darum muss ich gleich noch ein Bild anhängen. Krass, was Essence-Nagellack gepaart mit einem Stecknadelkopf (dankend angenommener Lifehack von S. und P.) so alles bewirken kann. Jetzt freue ich mich gerade jedes Mal ein bisschen, wenn ich auf meine Hände schaue. Die roten und rosanen Blüemli leuchten mir entgegen und sogar unser 0815 Büroraum oder die Lernplätze der Bib wirken damit etwas heller und frühlingshafter.

 

 

Ich trage bewusst den grünen Pullunder, den ich vor ein paar Jahren gestrickt habe, denn heute ist St. Patrick’s Day. Ich erkläre jetzt nicht die ganze Lore, die habe ich heute morgen aber auf Wikipedia nachgelesen, lohnt sich, finde ich. Jedenfalls wird der St. Patrick’s Day seit ca. dem 17. Jhd. gefeiert und das hat sich halt kulturell ziemlich weiterentwickelt. Weil P. und ich beide eine gewisse Faszination und sehr viel Liebe für Irland haben, fragte sie mich heute Morgen, ob wir uns abends für einen »cheeky Pint« treffen wollen. W. und B. kommen auch mit. Da ich heute Nachmittag noch ein Meeting im Büro vor mir habe, für das ich mich sehr unterqualifiziert fühle, das ich aber trotzdem so halb leiten muss (Girlbossen ist manchmal echt zu stressig), freue ich mich sehr auf das Guinness später.

 

Ich hoffe, wir finden einen Platz im Pub, die sind heute wohl ziemlich gut besucht. Ich freue mich auf grün angezogene Leute, sieht bestimmt witzig aus. P. meinte heute Morgen, dass man Leute, die heute kein Grün tragen, »pinchen« darf. Anscheinend kommt das aber von den Amis und gar nicht aus Irland selbst. Ziemlich viel des Feiertages ist anscheinend amerikanisiert, habe ich nachgelesen. Früher trug man blau, das war aber zu wenig stereotypisch irisch, daher nun grün. Wegen grüne Insel und so. Anscheinend kommt das eben auch von den Amis, Irland hat es dann einfach übernommen, als es genügend verbreitet war. Aber weisst du, wieso man überhaupt grün tragen soll? Ganz einfach. Die Leprechauns können dich nicht sehen, wenn du grün trägst. Ist also alles Eigenschutz.

 

Mittwoch, 18. März 2026

Ich fühle mich gerade sehr studentisch. Unter der Woche in den Ausgang ist immer etwas crazy. B. meinte jedoch, am St. Patrick’s Day ins Pub zu gehen sei eine, ich zitiere, »Late Twenties Activity.« Naja, es ist, wie es ist. Ich bin heute zwar nicht mit einem Kater aufgewacht, aber war glaubs nahe dran. Der einzige Rettungsanker war, dass wir uns gestern halt um fünf Uhr gleich nach dem Arbeiten getroffen haben, um halb acht schon fertig waren mit Trinken. Drei Guinness auf leeren Magen war nicht das Schlauste, was ich je gemacht habe. Aber die zweieinhalb Stunden im Pub waren absolute Szene. Wir konnten uns sogar noch eine Booth ergattern, konnten peinliche Guinness-Fischerhüetli abstauben (wir haben sie gerockt, glaub mir), und konnten dem Geschehen im Pub dann zuschauen. Es gab Live-Musik und so ab sechs war der Schuppen echt ziemlich voll.

 

Der Abend war vielleicht der härteste Test meines Nicht-Raucherinnen-Seins bis jetzt. Bier und Zigaretten sind ein zu guter Match leider, aber ich habe durchgezogen. Die fünf Züge einer Vape, die ich hatte, zähle ich jetzt nicht, wenn ich ehrlich bin. Das passiert. Wir machten uns dann auf den Weg zu uns nach Hause, um noch Champions League zu schauen. Diese Ortswechsel sind vielleicht das Beste am Ausgang, finde ich. Dieses aufgedrehte, betrunkene, laute durch die Strassen einer Stadt gehen und nicht mehr so wahrnehmen, dass die Leute sich zu einem umdrehen, weil man zu laut schreit. Beste.

 

Wir deckten uns dann jedenfalls im Coop noch mit Aufback-Znacht ein und verschoben uns in unsere Wohnung. Champions League war nicht sonderlich krass, irgendwie waren alle Matchs etwas langweilig. Chelsea, Manchester City und Bodø sind alle draussen, obwohl wir für sie gefant haben. Arsenal hat aber gegen Leverkusen gewonnen. Für mich wird es eigentlich erst heute Abend richtig spannend. Newcastle spielt gegen Barcelona (in Barcelona) und das Aggregat ist 1:1. Ich bin schon jetzt nervös, aber ich habe auch ziemlich grosse (etwas unbegründete) Hoffnungen. Wir werden sehen.

 

Vor zwei Wochen waren wir mit den Typen aus der Lesegruppe zu Finnegan’s Wake schon im Pub, um nach dem Lesen noch anzustossen. Machen sie ab und zu, ich war bisher noch nie dabei. Am gleichen Abend war das Newcastle Spiel gegen Manchester United. Kurz überlegte ich mir, nicht hinzugehen, um das Spiel zu schauen, aber beschloss dann, die erste Halbzeit im Pub zu schauen. Ich montierte sogar mein Trikot. Wenn schon, denn schon oder?  J., ein ca. 70-jähriger Ire, der auch immer mitliest, kreuzte mit einem Man United Schal im Pub auf. War ziemlich lustig. Bis er mir nach seinem dritten Guinness zum vierten Mal erklärte, dass er mal von einem Newcastle Fan angegriffen worden sei. »Back in ’99, when we won the treble (okay, flex noch mehr), I was whacked in the back of the head at Wembley by a Newcastle fan. I just wanted to go use the toilets!« Diese Story hat er mir mehrmals erzählt an diesem Abend. Irgendwie war es generell etwas wild, mit unserem Prof und diesen Ü50 Männern im Pub. Als dann Drogengeschichten aus ihren jungen Jahren erzählt wurden, machte ich mich auf den Heimweg, um die zweite Halbzeit nicht zu verpassen. Wir haben gewonnen <3

 

Nichts allzu Deepes in meinem Kopf gerade, tut mir leid. Ich habe etwas viel Bier getrunken die letzten zwei Wochen, ansonsten mache ich immer noch viel Photosynthese. Das Wetter lässt es immer noch sehr gut zu. Ausserdem war ich diese Woche wieder im Handball und am Samstag spiele ich unseren letzten Match! Hilft auch für die Laune. Ich habe am Montag sogar meine Steuererklärung gemacht, Vera! Ich weiss nicht, ob alle verstehen, wie krass das ist. Abgesehen von meiner ersten (die ich mit Mama zusammen gemacht habe), musste ich jedes Jahr die fucking Mahngebühren zahlen, weil ich sie so spät gemacht habe. Das ist das erste Mal, dass ich die Steuererklärung rechtzeitig eingereicht habe, ohne Verlängerung, nichts. Das nenne ich Growth! Ich habe ausserdem: mein Zimmer aufgeräumt, 30 Stutz beim Migros-Wocheneinkauf gespart, weil ich mit meinen Cumulus-Bons gekocht habe, bin vorangekommen mit meinen Unisachen und habe ganz schön viel gebastelt. Who is she? Naja, war auch alles etwas Ablenkung, da ich aus diversen Gründen doch ganz schön gestresst war letzte Woche. Aber hat sich wieder etwas eingerenkt. Hier noch die Kategorien.

 

Etwas zum Essen/Trinken: Guinness. Mit G-Split natürlich - ich habe einen von drei (so halb) geschafft und war sehr stolz!

 

Etwas zum Glotzen: Der Videoessay »booktok & the hotgirlification of reading« von Mina Le. Eigentlich ihr ganzer Channel. Sie macht so gute Videos auf YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=WxDd8ocpcHk&t=1976s

 

Etwas zum Hören: Headphones Baby von The Vaccines. »I wanna live inside your headphones baby« ist eine weitere dieser Songzeilen, die ich gerne speziell erwähnen möchte, weil ich sie einfach so gut finde.

 

Etwas zum Lesen: Den Substack-Post »Girlhood Exists in Palestine. You Just Have to Dig Under the Rubble to Find it.« Geht unter die Haut.

 

Ausdruck der Woche: freihändele (berndt. »freihändig Velo fahren«)

 

Ich habe gemerkt, dass ich gar nichts zu deinem Grossvater geschrieben habe. Muss ich vielleicht auch gar nicht, aber da wir uns schon so lang kennen, unsere Leben doch schon seit einiger Zeit ziemlich verschränkt sind, habe ich ihn natürlich auch gekannt. Ich glaube, er fand mich immer sympathisch, weil ich Latein als Gymi-Schwerpunkt hatte. Er war ja schliesslich Lati-Lehrer. Er war jedoch auch immer etwas enttäuscht, wenn er dann Dinge auf Lateinisch zu mir sagte, die ich nicht verstand. Er erklärte sie mir dann immer geduldig, mit Fall-Erklärungen und allem drum und dran. Darum: Sit tibi terra levis. Haben die Römer*innen anscheinend gesagt.

 

Ich hoffe, du findest gut zurück in deinen Alltag in Montpellier. Ich hoffe auch, du zelebrierst die Rugby-Matchs weiterhin und geniesst das französische Bier. Fühl dich gedrückt.

 

Alles Liebe

Michelle


Hier noch ein Beweis meines G-Splits (er war schöner, trust, das Foto wurde ein kleines bisschen zu spät gemacht).
Hier noch ein Beweis meines G-Splits (er war schöner, trust, das Foto wurde ein kleines bisschen zu spät gemacht).

 


 
 
 

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