Liebe Vera
- 13. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Ich schreibe diesen Brief gerade aus dem Frecciarossa von Rom nach Mailand. Du bist lustigerweise auch gerade im Zug. Anders als bei dir, klappt bei aber gerade noch alles mit den Verbindungen. (Holz aalänge!)
Es ist Montag, doch es fühlt sich an wie ein Sonntag, weil ich morgen frei habe. (So halb frei jedenfalls. Immerhin muss ich dir noch beim Zügeln helfen. Und beim Schrank abbauen natürlich.) Ich bin immer noch halb in den Ferien, das hilft dem Sonntagsgefühl. Zählt die Heimreise noch zu den Ferien? Ich habe das Wochenende mit meiner Patchworkfamilie in Rom verbracht. Ein grosszügiges Weihnachtsgeschenk unserer Eltern. Sechs von uns sind schon zuhause, ihr Flug ging um 15.00 Uhr, B. und ich reisen mit dem Zug und sind noch eine ganze Weile unterwegs. Doch mir macht das nichts aus. Ich kann morgen ausschlafen, das Zug W-Lan ist überraschend gut (B. schaut seit zwei Stunden YouTube-Videos und TikToks damit), wir haben eine Ladung Snacks gekauft und ich habe Bücher, Kreuzworträtselheft, Podcasts und Laptop bereit. Niemand ist so gut darauf vorbereitet, sich selbst zu beschäftigen, wie ich auf einer langen Zugfahrt, ich sag’s dir.
Rom war wunderbar. Ich verbringe mittlerweile selten mehrere Tage am Stück mit meiner Familie, und es hat wieder einmal gutgetan. Auch wenn Städte-Trips natürlich immer auch etwas stressig sind, und es in einer 8er-Gruppe nicht immer ganz einfach ist, sich zu einigen, wo man jetzt hinwill oder welcher Weg der beste ist oder wo das Hotel schon wieder war, welchen Bus man nehmen muss, ob wir da an dieser Piazza schon vorbeigelaufen sind. Du kennst das bestimmt. B. und ich sind bereits am Freitagnachmittag nach Mailand gefahren, haben dort eine Nacht im Hostel geschlafen und sind dann am Samstagmorgen weiter nach Rom. Ich war schon eine Weile nicht mehr in einem Hostel, meistens sind mir die Vibes irgendwie zu aufgedreht und der Smalltalk zu viel, aber am Freitag konnte ich mich ganz gut darauf einlassen. Ich redete in unserem Zimmer mit O. aus der Nähe von London, packte mein schönstes British English aus, und B. musste sich das Lachen verkneifen, weil ich all diese R’s schluckte. Den Spanien-Belgien-Match schauten wir auf einer Leinwand in der Lobby des Hostels mit allen anderen Fussballfans, die dort schliefen. Vor uns sassen fünf Spanier in unserem Alter, die alle das spanische Auswärts-Trikot trugen. Drei von ihnen hatten Lamine Yamal hintendrauf, und es sah von hinten sehr witzig aus. Sie feierten jedenfalls ausgiebig, als Spanien gewann. Dann am nächsten Morgen weiter. Unser Zug ging um halb sieben, und wir waren um halb zehn bereits in Rom. Während der Fahrt wurde das Wetter immer besser, es sah vom Fenster aus immer heisser aus (der Zug war gottlos runtergekühlt), und meine Vorfreude wuchs. Ich mag diese Langsamkeit von Zügen, da bleibt meistens ganz viel Zeit, um hibbelig und aufgeregt zu werden, bevor man dann endlich ankommt. Ich sage Langsamkeit, während der italienische Schnellzug gerade mit 300 km/h durch die Landschaft brettere, merke ich gerade. Aber du weiss, was ich meine.
In Rom dann machten wir irgendwie viel aber irgendwie auch nicht so viel. Es ist dieses klassische Städtetripgefühl. Man läuft den ganzen Tag rum, sieht sich Dinge an, aber man war auch irgendwie vier Mal was Essen oder Trinken. Wir legten viele Resti-Pausen ein, da es das ganze Wochenende 34 °C Grad warm war. Leider kühlte es auch in der Nacht nicht wirklich ab, die Hitze bleibt einfach zwischen diesen Häusern, in diesen Gassen stehen, sie verzieht sich nicht mehr aus der Stadt. Dafür hatten wir eine Klimaanlage im Hotelzimmer.
Mein Highlight des Wochenendes war natürlich das Kolosseum und das Forum Romanum, welches wir bereits im Vorhinein gebucht hatten. Obwohl ich vor 8 Jahren mit meiner Gymiklasse (Lati Schwerpunkt halt) schon einmal da war, war ich so hype. Im Kolosseum hatten wir leider nicht so viel Zeit, es reichte kaum fürs Täfeli lesen. Ausserdem checkten B. und ich die vorgegebene Runde nicht und kamen zu spät zum Treffpunkt. Fürs Forum märtete ich dann zwei Stunden heraus, weil ich nicht von den anderen gestresste werden wollte. Trotz der Sonne, trotz der Hitze, liess B. sich von mir dann eineinhalb Stunden das Ohr abkauen. Ich fasste die Infotafeln für ihn zusammen, las ihm aus dem Reiseführer, den ich Papa geklaut hatte, vor, erzählte ihm alle Funfacts, die ich noch über die Römer wusste. Ich muss zugeben, dass ich in der letzten Woche ziemlich viel Zeit auf allen möglichen Wikipedia-Seiten verbracht habe. Vestalinnen, Caesar, Cicero, Augustus, Nero, etc. Ich fasste also für B. zusammen, was ich noch im Kopf hatte, während wir über den Palatin liefen, wo früher all die reichen Römer wohnten, dann gingen wir weiter zum Forum. Vera, ich kann nicht ganz beschreiben, was das mit mir macht, imfall. Ich finde ja schon Augusta Raurica immer noch sehr cool. Aber Rom ist halt (Schocker!) noch einmal ganz anderes Level. Die Vorstellung, dass diese Dinge, die 2000 Jahre alt sind, immer noch da sind, immer noch berührbar sind, ist so krass. Und irgendwie stimmt mich das alles auch immer sehr optimistisch. Diese Menschen vor all diesen Jahren waren da und haben uns diese Dinge hinterlassen und jetzt sind wir hier und alles geht einfach immer weiter. Weil alles geht einfach immer weiter. Vielleicht ist das etwas naiv, im Anbetracht all dieser Sachen, die gerade passieren, im Anbetracht von Klimawandel und Kriegen und Kapitalismus. Aber ich kann nicht umhin zu denken, dass wir es schon so weit geschafft haben. Dass wir es auch noch weiter schaffen werden. Lässt sich vielleicht einfach sagen, wenn man aus der Schweiz kommt. Doch manchmal tut es sehr gut, sich dieser Hoffnung, diesem Optimismus hinzugeben.
Meine Lieblingsstelle auf dem ganzen Forum: Es gibt eine Treppenstufe, auf der man immer noch Dellen und Einkerbung von römischen Murmelspielen sehen kann. Vor 2000 Jahren haben dort bereits Kinder gespielt, ihre Murmeln geworfen und gerollt. Wie krass ist das denn? In unseren Grundzügen haben wir uns einfach nicht verändert. Und ja, ich weiss, vor 2000 Jahren haben wir schon Kriege geführt, haben wir uns schon gestritten, haben wir schon Ungerechtigkeiten zugelassen. Aber wir haben eben auch gespielt. Wir haben Murmeln geworfen, haben geliebt, hatten Spass. Und den Fokus darauf zu legen, fühlt sich für mich nachhaltiger an. Wenn ich mich zu sehr in diese Vorstellung dieser spielenden römischen Kinder reinsteigere, muss ich ein bisschen weinen, gebe ich offen und ehrlich zu.
Den Rest der Zeit haben wir viel Pasta gegessen, Bier und alle möglichen Spritz-Varianten getrunken, viel gelacht, geredet. Und ja, wir waren diese Touri-Familie, die im Resti rumschreit. Passiert eben. Ich habe ausserdem Fussball geschaut (Ich war zu müde für den Schweiz-Match. B. und ich stellten einen Wecker, aber ich ging gleich wieder schlafen. Schlechte Fan.), mit meinen Stiefbrüdern über das aktuelle Transfer-Window diskutiert (Manzambi to Aston Villa, here we go. RIP.), virales Tiramisu gegessen, natürlich zwei Bücher gekauft, über römische Geschichte generdet, und ganz viel mit B. gelacht. Da wir die einzigen single Personen waren, mit dem Zug anreisten und uns ein Hotelzimmer teilten, hatten wir auch viel Zeit zu zweit. Wir waren alle drei Tage sehr aufgedreht, lachten viel, schrien rum und benahmen uns ein bisschen zu doll wie früher in den Familienferien. Immerhin waren wir immer die jüngsten. Das ist okay. Es lässt mich noch mehr darauf hoffen, dass wir es bald schaffen, endlich gemeinsam nach London zu fahren.
Gestern rundeten wir den Trip dann mit Besuch im fancy Restaurant und anschliessenden Pints in einem Irish Pub ab. Dort lief ich auf der Toilette (offen!) aus Versehen in zwei Girls hinein, die gerade Lines rupften, dann bondete ich mit einer Queen aus Birmingham beim Händewaschen. Sie meinte »I love your dress!«, ich sagte etwas laut und überschwänglich (und betrunken) zurück »I love YOUR dress!« Sie fragte nach, ob der Lippenstift (dunkelrot) zu ihrer Foundation (orange) passte. Dann machten wir ein Selfie im Spiegel (auf ihrem Handy leider), dann setzte ich mich zurück zu den anderen. Normalstes Familienwochenende eben.
Ich fahre gerade in Milano Centrale ein. Alle Punkte aus meiner Notizenapp, die nichts mit Rom zu tun haben, spare ich mir fürs nächste Mal auf. Hier noch zu den Kategorien.
Etwas zum Essen: Ich habe am Samstag die beste Carbonara meines Lebens gegessen. Macht wieder einmal Carbonara. Banger.
Etwas zum Hören: Uptown Girl von Billy Joel. Auch Banger.
Etwas zum Glotzen: Immer noch WM. Ich hoffe auf einen Frankreich-England-Final.
Etwas zum Lesen: The Wedding People von Alison Espach. Habe ich endlich von M. ausgeliehen und es ist einfach nur gut. Phoebe checkt in ein Luxushotel in Newport ein mit der Absicht, sich in der teuersten Suite das Leben zu nehmen. In genau dieser Woche ist aber das ganze Hotel ausgebucht wegen der Hochzeit von Lila und Gary, die sie nicht kennt. Als Phoebe Lila ihre Pläne am ersten Abend mitteilt, hält Lila sie davon ab, involviert sie in die Festlichkeiten, bis Phoebe sogar Maid of Honor wird, weil die richtige Trauzeugin kurzfristig verhindert ist. Stellenweise sehr traurig, aber immer sehr hoffnungsvoll, optimistisch, ohne in zu viel Kitsch zu verfallen. Wunderschönes Buch.
So, das war meine Postkarte aus Rom. Ich hoffe, ihr kommt bald an, trotz Zugausfällen und Verspätungen. Man sieht sich hoffentlich heute spätnachts, wenn A. und du auf meinem Sofa Unterschlupf findet!
Alles Liebe
Michelle




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